Morgenstunde (273. Blog-Notat)

Kein Fotolicht draußen, deshalb dieses Archivbild: Gedenkstein unter dem Wunschbaum im Herbst.
Unter dem Wunschbaum am 22. Januar 2020: Geli-Tag.

Eigentlich müsste der Tag nach Freesien duften, denn es war die Geburtstagsblume meiner Schwester. Stattdessen ist der helle Winterhimmel verschwunden und hat einen Nieselvorhang hinterlassen. Friedhofswetter. Meine Toten melden sich an ihren Ehrentagen. 22. Januar: Geli, Dein Tag. Wenn ich es nicht gleich erinnere, grummelt es mir im Magen, weht mir im Garten ein atemschwerer Hauch übers Haar, dass ich mich urplötzlich fragen muss: Was ist? Sie sind immer bei mir – alle meine Seelen, meistens still, aber sie rütteln an mir, wenn ich sie nicht bedenke. Unter meinem Wunschbaum wartet der Erinnerungsstein auf mich. Den haben wir vor 11 Jahren vom Zeuthener Friedhof mitgebracht, als ich das Familiengrab nach 30 Jahren auflöste. Ich wollte es nicht verwildert und unbesucht lassen, zu weit weg für mich indes. Und jene, die ich bat, das Grab zu pflegen, rührte die Hände nicht. So ist der Stein jetzt bei mir als Erinnerungsplatz. Ich fände es schön, wenn die Deutsche Friedhofskultur endlich fallen würde, dann wäre mein Platz hier unter der Wunschbirke in dem Garten, der meine Handschrift trägt.

Rechts: Meine Geli

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Das Immerwiederkehrende

Alltag 9, Juli 2019:

Die „Dinge des Alltags – das Immerwiederkehrende“ – ist das Jahresprojekt der Bloggerin Ulli Gau, an dem ich mich beteilige und 12 Monate lang immer am  1. Monatswochenende etwas aus meinem Alltag vorstelle …

Diesmal: Im Garten

Jeden Morgen, gleich welches Wetter, gehe ich diese Schritte durch den Garten. Seit 11 Jahren beackere ich dieses einst blanke Wiesenland zu einem Landschaftsgarten mit mehreren Gartenzimmern. Der Weg bis zum Waldrand ist 140 Meter lang, dass schaffe ich auch, wenn ich mal einen schlechten Atem-Tag habe. Er beginnt vor der Haustür, die noch aus dem Jahre 1889 stammt, auf dem gepflasterten Hof, der ist in diesen Tagen wie ein Backofen. Die Steine langen schon, als wir hier einzogen, aber das werde ich irgendwann, so nach und nach, noch ändern und Wiesenstreifen anlegen, um das Klima hier zu verbessern. Weiter geht es durch das Rosenportal, vorbei am Nebengelass und der schönen Kopfweide zum Blumenmond, in dem ich gelegentlich für Gäste lese. Die mütterliche Linde beschirmt ihn halbseitig und den dahinterliegenden Tiefsitz und Staudenbeete. Rechts gegenüber befindet sich ein kleiner Teich mit Seerosen. Hier und da gibt es hölzerne Skulpturen und Wurzelgnome. Dieses Arial bildet meinen sogenannten Lesegarten, in den ich zu Festen Märchenstelen herrichte, die danach wieder abgehängt werden. Nur die Lattenrahmen bleiben dann zurück und ein leeres Lesepult. Immer da sind ein paar wetterfeste Alu-Verbundplatten, die im grünen Zaun ein paar Märchen tragen. Ebenso wie auf den Lyrikbooten Gedichte als Segel flattern. Weiter führt der Weg in den Mittelgarten mit drei Kopfweiden, Buchsbüschen und naturbelassener Wiese, auf der sich an den Rändern „Vogellaube“ mit Bank und 3 Schwebekörbchen auf Wilddrahtzaun, Gemüsehochbeet, Beeren- und Ziersträuchern befinden. Hinter dem Haselnussbusch öffnet sich das nächste Gartenzimmer: mein Kräutergärtchen, mit Spirale, Kleinteich und Tomatenhäuschen und einem l-förmigen Beet für Bohnen und Heilkräuter, wie Beinwell, Wasserdost, Winter- und Etagen-Zwiebeln, Rucola usw. und natürlich wieder einer Bank. Beschirmt wird dieses Arial von zwei Vogelbeerbäumen und einer weiteren Kopfweide. Dahinter folgt die Streuobst-Wiese mit Kompostecke und einer Randbepflanzung aus Büschen, Blaubeer- und Monatserdbeeren. Leider erntet man hier nie besonders viel, weil uns Spätfröste meistens die Blüte schädigen. Dahinter liegt ein kleiner spiritueller Garten mit „Schwarmbeobachtungsplatz“ im Schatten eines Weidenzauns. Von hier schaut man auf einen prächtigen Hortensienbusch, Bienentränke, Weidenbögen mit Apothekerrose und Wunschbaumbirke, unter der ein Familiengrabstein zur Erinnerung steht, ohne Urnen versteht sich. In den Zweigen hängen kleinen Glocken, die bei Wind leise läuten. Die Birke teilt gewissermaßen diesen Ort in den wilden Bienengarten, dreiseitig gesäumt von Hecken und einen schmale Wiesenauffahrt mit Himbeeren am Zaun. Hier endet das Grundstück und beginnt der Wald.  Auf dem Rückweg nehme ich mir meist Kräuter zum Kochen mit ins Häuschen. Aber davor liegt meine Schreib- oder Zeichenzeit. Draußen arbeite ich, täglich etwa eine Stunde, man wird eh nie fertig, denn der Garten ist Weg und Wandel.

Die Bilder stammen aus allen möglichen Jahreszeiten
 
      
 
     
 
  
 
 
  
  
 
 

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