Erinnerung an Volkmar

Aus gegebenem Anlass, eine Erinnerung an unseren Freund Volkmar Bothe, der vergangenen Samstag gestorben ist. Möge die Erde leicht zu ihm sein.

Anfang der 2000er Jahre schrieb ich eine Rezept-Kolumne für ein kleines märkisches Blättchen, dafür verriet mir Volkmar ein Familienrezept…

Berliner Nachttheater

Vorzeiten putzte sich im Oktober der Märkische Landadel fein heraus und brach zu den rauschenden Festen der Berliner Ballsaison auf. Heute zieht es den Märker wohl eher zum Kunstherbst in die Stadt an der Spree. Es ist Schauzeit in den vielen Theatern, Museen, Galerien und neu gewachsenen Stadtkompositionen. Und natürlich auch Lauschzeit in den Konzerthäusern und Clubs. Doch wohin nach den vielschichtigen Genüssen, wenn gerade die letzte Regionalbahn davon gerauscht ist? Draußen wird’s langsam ungemütlich. Ja, man kann irgendwo einkehren, auch dafür sind die Gelegenheiten uferlos. Für jene, die von der Hochkultur jetzt so erschöpft sind, dass sie zur Nacht lieber ein dadaistisches BlaBla praktizieren als einem gedrechselten Bildungsplausch frönen, hier ein Geheimtipp: Das „Sankt Bla“ in der Sredzkistraße 19 a, unweit des Kollwitzplatzes, ist ein schräger Szeneladen im Prenzlauer Berg. Der stammt noch aus der ersten Nachwendegeneration. Heißt, kein kalt ausgeleuchteter Edellackladen. Das Licht ist eher faltenfreundlich, man duzt die Gäste zwischen 18 und 80, das Bier kommt schnell, und nach Mitternacht spielt sich hier ein sehenswertes, aber höchst absurdes Theater ab. Das speist sich all- abendlich aus den Klängen der Nacht – live mit immer neuen Laiendarstellern.
Hier hat schon so manche märkische Omi mit akkuratem Spitzenblüschen (ausgeführt von den nach Berlin verzogenen Kindern) etwas derangiert erst am nächsten Morgen ihr Tanzbein auf den Heimweg nach Golzow oder Briesen gebracht. Etwas wackelig vielleicht, aber gut gelaunt und unbeschadet. Der Wirt dieses alterslosen Etablissements entspringt einer alten Kneiperfamilie, die seit den 50er Jahren unter anderem in Zeuthen große Ausflugslokale unterhielt. Volkmar Bothe hat das Bewirten im Blut und noch etwas anderes:
das Schauspielern. Vielleicht stünde er heute neben seinem einstigen Studienkumpel Axel Werner auf den Brettern des Berliner Ensembles, hätte man ihn nicht seinerzeit, nach dem Schauspielstudium einem verstaubten Provinztheater zugeteilt. Dort kam er nie an. Die Liebe hielt ihn felsenfest auf märkischem Sand. Irgendwie schicksalsfügig kehrte so der Charme sprühende Mann zu seinen Wurzeln zurück. Mancher mag das bedauern, doch für das absurde Nachttheater von Berlin ist es ein Glück.

Märkischer „Hai“:
Der Hecht ist der Haifisch des Süßwassers. Sicher werden Sie Ähnliches schon assoziiert haben, wenn zuweilen wahre Fischgiganten aus der Oder gezogen werden. Nein, auf der Speisekarte des „Stankt Bla’s“ finden Sie den nicht. Dort reicht man nur einen schmalen Imbiss. Dieses Rezept praktiziert die Gastronomen-Familie Bothe privat: Zwei junge Hechte (keine Giganten) waschen und mehrfach quer einschneiden. Feine Speckstreifen von Einschnitt zu Einschnitt unter die Haut ziehen, damit das Fleisch beim Braten nicht austrocknet. Nun salzen, pfeffern und mit Zitronensaft beträufeln. Die Hechte in Butter ca. zehn Minuten braten. Mehrfach wenden, eventuell Butter zugeben. Fische aus der Pfanne nehmen, in Semmelbrösel wälzen und weitere zehn Minuten braten. Serviert wird der Hecht dann mit gehackter Petersilie, brauner Butter, dazu gibt es warmen Kartoffelsalat mit knackig-kross gebratenen Speckwürfeln und herzhaftem Radieschensalat.

PS: Das BlaBla ist inzwischen geschlossen.

Frühjahr 2008: Der Imkergatte (links) und Volkmar Bothe (rechts) haben nächtens die Bienen von unseren Waldhof im Roten Luch nach Kurtschlag gebracht.