Das Nebeltor (14)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Der Bruchwald öffnete sich und über dem Quellgebiet im blauen Land wurde es dunstig hell. Es war, als würden Schwebegeister in der Luft tanzen, aber es waren nur Mückenschwärme. Überall floss etwas sacht, kaum hörbar. Aus Sickerquellen quoll Wasser auf die wellige Nasswiese. In ihren Senken sammelte sich die Ucker unsichtbar zu kleinen Rinnsalen und Tümpeln, um schließlich zum Fluss zu wachsen. Wie sollte Flora die vielen Quellen ausmachen und welche wäre die richtige? Sie konnte das Rätsel nicht allein lösen. Ihre Augen suchten die Wiese nach einer Wasserlache ab. Im Schilfsaum bei den Sumpfdotterblumen spiegelten sich die Wolken. Dorthin stapfte Flora durch das feuchte Gras und schnaufte sehr bald, denn es lief sich schwer über diesen nassen Boden. Endlich war sie bei der Pfütze angelangt. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Wasserspiegel und rief: „Nix, ich brauche dich!“ Und wirklich, aus der winzigen Wasserstelle stiegen Nix und Nixe auf. „Ich habe dir die Hüterin der Quellen gleich mitgebracht, denn nur sie weiß, welcher Quell der rechte ist.“
Flora war froh über die Gesellschaft der Eingeweihten und Ella führte sie zu jeder einzelnen Quellkraft des Regenlandes. „All diese Quellen treiben das Leben an, aber jede kann etwas anderes. Sieh hier, dieses Wasser schenkt Heilung und dieses andere nährt die Lebensenergie. Und schau, dieses winzige Rinnsal kann Zerstörung bringen oder als Wasserkraft wertvolle Energie.“
Sie liefen über die alte Geröllhalde des geschmolzenen Eiszeitgletschers. Überall rann Wasser, aber an wenigen Stellen sprudelte es. „Schau Flora, dort, diese herrlichen Sprudel, das sind die Zauber-Elixiere“, flüsterte Ella. Die Hüterin der Quellen bat den Nix zurückzubleiben, denn nur das Kind durfte sie in ihr Geheimnis einweihen.
Kaum hörbar sprach Ella weiter. „Dieses Wasser ist uralt, es steigt auf aus der Sohle des alten Gletschers. Es gibt viele Zauberwasser, aber ich zeige dir nur, wo du das Elixier der Freude schöpfen kannst. Wo es fließt, darfst du niemandem verraten, damit es nicht verdorben werden kann. Willst du mir das auf immer und ewig versprechen?“
„Darauf kannst du dich verlassen“, versprach Flora.
Ella rollte jetzt einen Findling beiseite. Dort, wo er lag, sprudelte kristallklar der Zauberquell und Flora schöpfte vorsichtig das Elixier mit dem goldenen Horn der Nebelfee. Bis zum Rand war es nun befüllt und die Grenzgängerin strahlte die Hüterin der Quellen dankbar und glücklich an….


Aufrufe: 24

Das Nebeltor (4)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Da flüsterte ein kalter Hauch aus dem Schwaden: „Einen warmherzigen Menschen suchen wir!“ Aus dem Nebel formte sich nun eine schöne Frauengestalt, die weitersprach: „Wir Wasserwesen vermissen das Elixier der Freude. Jemand hält es verborgen. Seither ist das Leben in allen Welten rau und laut geworden.“
„Allen Welten? Gibt es nicht nur eine Welt?“, fragte Flora überrascht. „Nun, schon“, sprach die Nebelfee. „Aber darin gibt es die Wasserwelt, die Himmelswelt, die Unterwelt. Es gibt die echte Welt und viele künstliche, allerlei Schein- und Fantasiewelten. Aber wie auch immer, in allen fehlt die Freude.“ Um die Nebelfee erhoben sich jetzt schwebende Nebelgeister, die den Worten der Fee ernst nickend beistimmten.
„Wo kann man das Elixier finden?“, fragte Flora.
„Das wissen wir nicht“, sprach die Nebelfee. „Es ging verloren, als das Lachen verschwand. Die giftigen Tropfen könnten es wissen. Aber sie werden es keinem verraten, denn sie speisen keinen gewöhnlichen Wasserfall, sondern den großen Strom des elenden Neids, der das ganze Leben vergiftet. Es braucht eine, die sich ihm entgegenstellt.“ Flora zweifelte, ob das möglich sei, aber vielleicht bräuchte es deshalb eine heilende Substanz? „Wie wirkt das Elixier?“
„Es ist ein Zauberguss, der immerwährend gute Energie verströmt. Aber sieh, wir haben nur das leere Füllhorn gefunden. Willst du es nehmen und nach der Quelle des Elixiers suchen? Du musst es nur neu befüllen und uns wiederbringen.“
Flora war unschlüssig und so sprach die Nebelfee weiter: „Wenn du den Wasserwesen folgst, wirst du den richtigen Weg finden. Dazu musst du das Nebelreich verlassen und hinüber in die Welt der Tautropfen gehen. Sie spiegeln alle Wege. Du bist ein junger Mensch, der Grenzen überschreiten kann. Wir sind an unsere Nebelwelt gebunden. Verstehst du das?“
Flora nickte und augenblicklich waren die Fee und ihre Geister in einer dichten Nebelwand verschwunden. Flora hielt das Füllhorn in ihren Händen und lauschte ihnen nach. Offenbar war sie in eine jenseitige Welt in der Welt geraten, eine zeitlose, in der die Dinge immer gleich blieben – unverrückbar. Nur sie war die Verbindung. Als ihr das klar wurde, fühlte sie sich mulmig, in was für ein verrücktes Abenteuer war sie da geraten? Aber war es nur eine Fantasiewelt? Es stimmte, auch in Floras Wirklichkeit fehlte das schöne Lachen. Ihr großer Bruder übte lange vor dem Spiegel, einen möglichst coolen und herabwürdigenden Blick aufzusetzen. Er übte es so lange, bis er einfach nicht mehr lachen konnte. Nach und nach bekam er ein kaltes Herz und begann zu hassen, was er doch eigentlich liebte. Diese Verwandlung trieb ihn aus dem Elternhaus. Ob das Elixier auch ihren Bruder heilen könnte? In Flora wuchs diese kleine Hoffnung, die sie plötzlich antrieb, die Suche aufzunehmen…

Aufrufe: 68

Das Nebeltor (3)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Niemand antwortete, nur ein fernes Rauschen vernahm sie. Dorthin ging Flora vorsichtig. Bald schon spürte sie eine Gischt auf ihren Wangen. Wenig später brach der Nebel auf und sie stand vor einem tosenden Wasserfall. Laut und gewaltig krachte das Wasser in die Tiefe. Aber was war das? Jeder einzelne Tropfen schrie etwas aus dem Strom heraus. Aber Flora konnte das Stimmengewirr nicht trennen und verstand die Botschaften nicht. Nur Wortfetzen hingen in dem großen Rauschen, die nicht gut klangen. War sie in Gefahr? Es war seltsam, vor einem sprechenden Wasserfall zu stehen. Sie hielt die Hand in den prasselnden Guss und als sie sie zurückzog, kreischten ein paar perlende Spritzer: „Eh, lass mich los! Ich habe dir nichts zu sagen!“ Ein anderer schrie: „Wir reden nicht mit Fremden!“ „Niemals mit einer Dahergelaufenen!“, setzte der Nächste nach. Solche giftigen Sprüche kannte Flora von ihrem Handy-Display, die ihr oft Magendrücken bescherten. 

Sie war ein stilles Mädchen, das Auseinandersetzungen nicht mochte, aber sie ließen sich nicht vermeiden. Deshalb hatte Flora letzten Sommer Aikido gelernt, eine friedliche Verteidigungsart, die eine angreifende Energie ins Leere schickt. Das gefiel ihr, weil es Angreifer irritiert und schließlich verschreckt. Flora schüttete die Tropfen zurück in den abweisenden Strom der boshaften Wörter und erschrak: Mein Handy! Sie hatte es im Pilzkörbchen auf der Wiese zurückgelassen, nun konnte sie niemanden anrufen. Ein beklommenes Gefühl beschlich sie. Sie hatte bisher stets die Möglichkeit, Hilfe herbeizurufen, aber ohne Handy war sie vollkommen auf sich allein gestellt. Mit einem „Ach was!“, schob sie den kurzen Schrecken aus ihren Gedanken. Als sie weiterging, erlosch das dumpfe Rauschen des Wasserfalls und der stille Nebel kehrte zurück. Wozu waren diese keifenden Tropfen gut, grübelte das Mädchen und erinnerte sich an ein altes Sprichwort: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Vielleicht sollten die Tropfen etwas aushöhlen oder auslöschen, den guten Ton vielleicht? Es fühlte sich für Flora jetzt genauso an. Wie sie dort im Nebel stand, wurde sie ungehalten und rief in das nebulöse Nichts: „Was ist, wer hat mich gerufen? Zeig dich!“ …

Aufrufe: 61

Das Nebeltor (2)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Nach dem Gewitterguss war die Temperatur an diesem Julimorgen stark gesunken. Nebelbänke lagen milchig über dem Gras. Flora sammelte Wiesenchampignons.
Sie fröstelte in der noch klammen Morgenstunde. Doch nach dem starken Regen schossen die schmackhaften weiß-grauen Blätterpilze massenhaft aus dem Boden, die wollte sie sich nicht entgehen lassen. Aber was war das? Aus zwei großen Löchern in der Wiese stieg Nebel wie aus Schloten auf und formte sich zu einem lichten Bogen. Er wölbte sich nun in die Tiefe zu einer Art Konzertmuschel, wie sie in den Kurorten zu finden sind, aber es blieb ein offener Bogen. Flora setzte das Pilzkörbchen ab und staunte über das Schauspiel. Etwas zog sie an. Ganz sacht und unaufdringlich, doch sie konnte nicht anders, als auf den Bogen zuzugehen.
„Komm!“, lockte eine weiche Stimme. „Komm, geh durch das Nebeltor! Wir brauchen dich!“
Flora schauderte es. Sie hatte niemanden auf der Wiese gesehen. Wer mochte da rufen? Sie stand jetzt genau unter dem weißen Bogen, das Land dahinter sah aus wie immer – wiesengrüne Kuppen bis zum Horizont. Doch als sie durch das Tor gegangen war, kräuselte sich die Ansicht wie Knüllpapier und veränderte sich mit dem nächsten Atemzug.

Plötzlich stand sie inmitten eines flimmernden Silbernebels, der keine Konturen erkennen ließ. Sie steckte in einem pulsierenden Silberweiß, was sich sehr merkwürdig anfühlte. Das Tor war verschwunden. Flora war nicht ängstlich, aber das hier war ihr nicht geheuer. Wie konnte es sein, dass sie auf
der vertrauten Wiese hinter dem Elternhaus einen so fremden Ort betrat? Es war kalt, eine Gänsehaut schlich über ihre Arme. Sie räusperte sich und fragte in die Nebelschleier: „Jemand da?“ …


Aufrufe: 72

Fantasy zum Weihnachtsfest

Ja, in der Uckermark macht gerade die Kriminalgeschichte  “Stummen Gänse” das Rennen, aber mein zweites Buch, dass am 15. November 2014 den Deutschen Buchmarkt betrat, ist so ziemlich das Beste, was ich bisher geschrieben habe – finde ich. Darum lege ich dieses sehr schön gestaltete Buch allen Fantasy-Freunden als Weihnachtsgeschenk ans Herz.

Leseprobe:

Das tiefgrüne Land war wild und mächtig. Nur wenige tapfere Männer haben es je gesehen. Uralt war es, wie auch seine Bewohner, die Baumriesen. Niemand ahnte, dass sie heimlich wanderten. Langsam und unmerklich nahmen sich ihre Baumkinder jeden Frühling ein Stück neues Land von den Wiesen. So wuchs das Baumland zu einem mächtigen grünen Pelz der Erde heran.
Natürlich hatte das Land der Baumriesen auch einen König. Hanjor, der friedfertige Seher. Und die Riesen bewahrten einen einzigartigen Schatz ­­- die Elementekugeln: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Diese leuchtenden Kugeln hielt Loriell, die Tochter des Baumkönigs, unter ihrem Rindenkleid, in einer Asthöhle verborgen. Die gleich starken Kugeln mussten immer beieinander sein, um das Gleichgewicht der Erde zu gewähren. Loriell wuchs deshalb dicht umstanden im Schutze ihrer vier Wächterbäume Robur, Benjo, Solan und Pikar heran. Schlank und schön.
An einem kalten Dezembertag fiel plötzlich Eisregen ins Land der Baumriesen. Der umzog jeden Ast und jeden Halm mit einem glasklaren Mantel, der vom Wind angefacht den ganzen Wald zum Singen brachte. Es war ein klirrendes, bedrohliches Lied. Kaum später kam der Schnee. Tage und Nächte fielen Flocken aus dem Wolkengrau und legten sich schwer auf die alten Baumgestalten. Die ächzten und knarrten unter der Last. Es war die zarte Loriell, die als Erste in sich zusammenbrach. Der Kugelschatz erreichte im Fallen nicht einmal den Boden, denn der Wind fing sie und nahm sie mit sich fort. Sosehr auch die Wächterbäume versuchten, ihm den Weg zu verstellen, sie waren einfach zu steif gefroren, als dass sie wendig genug gewesen wären. Seither war es dunkel und kalt im Land der Baumriesen…

Cover
Cover

Petra Elsner: “Der Schatz der Baumriesen”
Eine Fantasy-Geschichte für Erwachsene
(Kinder ab 6 verstehen es auf ihre Art)
Hardcover, 14,8 x 21,0 cm, mit zahlreichen Illustrationen von Petra Elsner, ISBN 978-3-943487-46-6, Ladenpreis: ca. 14,99 €, Verlagsbuchhandlung Ehm Welk Angermünde

Kurz-Inhalt
In einem klirrenden Sturm raubt die Winterhexe Gora den Schatz des Gleichgewichts der Welt aus dem Land der Baumriesen. Nun kämpfen die Elemente um die Macht und gefährden damit alles Leben. Ein mutiger Läufer ist auf dem Weg, um das Unheil abzuwenden.

Hier geht es zum

Der Schatz der Baumriesen

Aufrufe: 1411