Vaters Bademantel (eine Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 5 – das Ende)

… „Das wird schon wieder“, druckste der Leder-Mann und sprach stakkato weiter: „Hab‘ dir das Bike gebracht. Steht in der Tiefgarage. Is‘ runderneuert. Versicherung zahlts. Also keine Sorge, hier ist der Schlüssel. Liegt noch was an?“
„Nö, Max, hab alles. Danke fürs Schrauben und Bringen!“ Tine reichte dem Biker-Freund zum Abschied die Hand. Sie sah noch ziemlich zerbrechlich aus, was für den Leder-Mann ein nicht gut auszuhaltender Anblick war. Er verehrte die Biker-Tine als starke Frau, die hingeraffte Turban-Gestalt verstörte ihn nur, also stellte er wortlos den frischlackierten Helm auf den Beistelltisch und verabschiedete sich rasch wieder.
„Biker-Tine“ heißt du also. Ist aber auch ein seltsamer Name,“ fand die blaue Maus als sich die Tür schloss.
„Ist nur mein Spitzname unter Motorradfreunden. Früher, als ich noch im großen Revueballett tanzte, da hieß ich Hüpf-Tine und jetzt bin ich für alle nur noch die Kräuter-Tine.“
„Du kennt dich mit Kräutern aus? Ich auch. Ich weiß alles über Kräuterbäder. Gehört sich so für ein ordentliches Bademäusel.“ Und es begann zu dozieren: „Ein Rosmarinbad wirkt belebend und entzündungshemmend, Thymianbäder sind super gegen allerlei Entzündlichkeiten der oberen Luftwege. Melisse und Lavendel bringen Beruhigung und ein Salbeibad hilft bei unreiner Haut. Aber ach, inzwischen hab‘ ich schon so viel vergessen, weil ich schon lange keine Aufgüsse erlebt habe. Ein Schlammassel ist das, ich bin eine Bademaus ohne Aufgabe,“ seufzte die blaue Maus.
Tine lugte aus ihren Kissen und wirkte dabei überraschend unternehmungslustig: „Ich bin ausgebildete Kräuterpädagogin und könnte schon so ein allwissendes Bademäusel gut gebrauchen. Bei meinen Wochenendkursen im Gartenhaus. Es geht dabei um die richtige Anwendung von herkömmlichen Hausmitteln. Kräuterbäder werden dabei auch bereitet. Im Sommer gibt’s immer die Aufgüsse der besonderen Art: Schwarze Johannisbeere auf Kristallwodka und sowas. Alle möglichen Geist-Sorten“
„Echt!“, staunte die Maus und wurde ganz hippelig. „Du würdest mich mitnehmen und ich könnte in der Flachmanntasche weiterwohnen – ganz offiziell?“
„Wenn du willst. Außerdem müsstest du deine blaue Seele auch nicht mehr verbergen, du weißt ja, mein Vater war Säufer, ich weiß Bescheid.“

Zeichnung: Petra Elsner

 

© Petra Elsner
9. März 2019

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Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene – Teil 4)

Zwei Tage später rollte die Turban-Frau mit ihrem Bett zurück in das Einzelzimmer. Sie schien zu schlafen, während die Schwestern ihr Krankenlager hin und her rangierten. Vera streichelte im Vorbeigehen den hastig atmenden Bademantelstreifen, der sich moosgrün beulte: „Na, Bademäusel, bist du wieder eingezogen und hältst Wache? Das ist gut. Du hast vorgestern der Frau das Leben gerettet, ich bin dir sehr dankbar dafür.“ Vera entschwebte und die blaue Maus grinste breit und glücklich.
„Du hast mir das Leben gerettet – Bademäusel, echt, wie?“, stöhnte die Turban-Frau aus ihren Kissen.
„Ich hab‘ nur den roten Klingelknopf betätigt, mehr nicht!“
„Das war wohl zur rechten Zeit, ich danke dir.“
„Keine Ursache.“
„Wie kommst du denn zu dem schönen Namen Bademäusel? Genauso nannte mich mein Vater in den Ostseeferien?“

Die Verwandlung. Zeichung Petra Elsner

Das war die richtige Frage für den kleinen Nager, die ihm noch niemand gestellt hatte. Endlich konnte er jemand in sein großes Geheimnis einweihen. Und so erzählte er ihr aus dem Dunkel der Tasche die seltsame Verwandlungsgeschichte vom Gummibademäusel zur lebendigen, blauen Maus. Die Turban-Frau lauschte interessiert.
„Geht es dir besser?“, fragte die Maus und schaute dazu wieder aus der Flachmanntasche.
„Ja, der Kopf brummt noch ein bisschen, dafür sind die Armbrüche jetzt gut verschraubt. Aber sie würden schneller heilen, wenn ich mein Knochenkraut hätte.“
„Was für ein Knochenkraut?“, fragte die blaue Maus hellhörig.
„Beinwell.“
„Oh, das ist aber sehr, sehr lange her, dass die Badefrauen diese rauen Blätter zum Heilen benutzten“, sinnierte die blaue Maus. Ich wüsste gar nicht, wo man die heute noch herbekäme.“
„Aus meinem Garten“, antwortete die Turban-Frau tonlos. Sie war inzwischen schon wieder sehr schlapp-müde, als sich die Tür öffnete und ein riesiger Mann, gepresst in lack-schwarzes Leder, in den Raum schaute: „Biker-Tine, hallo, lebst du noch?“
„Gerade so.“

© Petra Elsner
8. März 2019

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Kommentare von FB:

Anja Llom Oh, wie schön! Das alte Beinwell-Wissen! Es macht mir viel Spaß, die Geschichte zu lesen und ich bin immer neugierig, wie es dann weitergeht. (8. März 2019)

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Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 3)

… Stunden waren vergangen und niemand hatte das Zimmer 30 auf der 2. Krankenhausebene betreten. Offenbar war das Personal einfach mal dankbar, dass aus diesem Raum nicht alle 10 Minuten der rote Klingelknopf nach ihm rief. Und so hatten die Schwestern im Handtieren mit all den Blutdruckgeräten, Bettpfannen und Kotztüten vergessen, dass die Patientin gar nicht nach ihnen hätte klingeln können, mit zwei Armen im Streckverband. Aber daran dachte gerade gar keiner.

Zeichnung: Petra Elsner

Der blauen Maus wurde es unheimlich, denn die Turban-Frau atmete schwer und ihr Gesicht glühte hochrot. Die Maus nippte die letzte Neige aus dem Flachmann, sozusagen als Mutmacherschlückchen, dann rutschte sie am Bademantelgürtel abwärts und drückte blitzschnell die Rufklingel. Das war der Moment, in dem Oberschwester Vera von ihrer statistischen Dokumentation des Pflegenotstandes aufblickte und erschrak: Herrje, die Nummer 30! Schnellen Schritts war sie über den Flur gefegt und hatte im Nu die kleine Nische zum einzigen Einzelzimmer der Station erreicht, dass nur sehr schweren Fällen vorbehalten war. Hastig griff sie nach der Türklinke und bekam Herzklopfen. Die Frau fieberte und ließ sich nicht wecken. Die Chefschwester drückte ihren Notfallpieper, kaum später stand die Stationsärztin neben ihr. Zitternd hockte die blaue Maus in ihrem Bademantelversteck und hörte nur die Aufregung: „Der Hirndruck steigt! Sie fällt uns in Koma! Sofort auf die Intensiv!“ Metallgitter schepperten, Rollen ratterten, die Tür flog ins Schloss – Stille. Als die Maus über den Taschensaum linste, war das Bett verschwunden.
Die Tür öffnete sich erst wieder mit der Runde der Putzfrau. Dass war die Gelegenheit für die Bademaus, sich neue Gesellschaft zu suchen. Oder vielleicht doch erst mal ins Kellergeschoss zum Desinfektion-Lager? Wohl besser für ihren Pegel. Es befand sich just dort, wo einst das alte Wannenbad des Krankenhauses war. Ein Ort der Kräuterwasser und Schlammbäder, aber so etwas praktizierte man hier schon lange nicht mehr. Am letzten Arbeitstag der Badefrauen bekam die Maus ihren neuen Aggregatzustand. Und das kam so: Die gekündigten Frauen hatten sich zum Abschied eine Flasche Blauer Würger am Pausentisch geteilt und weinten sich zwischen all ihren Quietscheentchen und dem Bademäuschen aus Gummi die Seele aus dem Leib. Klara hatte nicht mehr so recht den Durchblick, als ihr beim Nachschenken die Flasche aus der Hand glitt und ein Schwall kristallklarer Wodka die Maus traf. Als die Frauen gingen, blieb sie in dieser hochprozentigen Pfütze zurück und ihre Verwandlung begann. Erst regte sich Leben in ihr, dann kam die Farbe. Seither geisterte sie durch die Zimmer und Flure und wirklich jeder einzelne des Krankenhauspersonals war ihr dabei schon einmal begegnet, aber keiner wagte es, darüber zu sprechen…

 

© Petra Elsner
7. März 2019

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Morgenstunde (146. Blog-Notat)

Heute geht gar nichts mehr, ich schniefe nur noch vor mich hin, die Bettzipfel winken sehr, das Hirn ist matschig… Aber eine Maus für die Bademantelgeschichte ist gestern Abend noch gewachsen… Text folgt, wenn der Kopf wieder klar ist und der Atem nicht so rostig klingt…

Machts gut derweil!

Zeichnung: Petra Elsner

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