Morgenstunde (1119. Blog-Notat)

Da steht mir nächstens was bevor: Die Narbe vom Beinbruch will nicht heilen. Seit 14 Monaten! Als sich am Freitagnachmittag wieder einmal Schorf löste, sah ich darunter blankes Metall. Ich gebe zu, da ist in mir Panik aufgestiegen. Heute bekam ich die Gewissheit, es muss operiert werden, die Metallschiene muss nun doch raus und krankes Gewebe entfernt werden. Das ärztliche Vorgespräch wird Donnerstag sein. Schreck lass nach.
Der schöne Winterliche Scheunenmarkt in Annenwalde am 22. November fällt also für mich aus, dass ist wirklich schade. Aber wer kann, sollte sich das Einstimmen auf den Advent gönnen. Die letzten Tage haben wir im Bilderspeicher fast alles abgehängt, bis zum Wochenende wird das Obergeschoss und sein Fensterlicht geschlossen sein. Dann beginnt für mich der Winter, die Dunkelzeit. Die grüne Girlande über der Haustür ist schon gebunden, jeden Tag kommt jetzt Winterschmuck dazu, wir hoffen, am 1. Advent unsere Gäste empfangen zu können, wird schon… es könnte knapp werden.

Die Winterfrau in der Kleinen Schorfheide

Die Winterfrau Kitty Weitkamp Foto: Petra Elsner
Die Winterfrau Kitty Weitkamp mit ihrem Baegle-Baby namens Skipper
Foto: Petra Elsner

Die Winterfrau
Wenn das Jahr seinen dunklen Mantel überstreift, tanzt auf Festplätzen der Lichterschein und die Luft geht schwanger mit dem verführerischem Duft von gerösteten Mandeln, süßem Backwerk, Apfelpunsch und Glühwein. Der Advent ist prall gefüllt mit einschlägigen Märkten, aber keiner kann mithalten mit dem Winterfest in der mächtigen Gutsscheune von Annenwalde. Auf 50 Ständen werden regionale Köstlichkeiten aufgetischt und ausgesuchte Kunsthandwerker stellen wirklich besondere Produkte vor. In diesem wohl-fein inszenierten Klima verströmt sich heiter echte Vorfreude auf das herannahende Weihnachtsfest.
Bei einer Klangprobe des ortsansässigen Singkreises in der gewaltigen Scheune entstand die Idee zu diesem „Winterlichen Scheunenmarkt“. Gutsbesitzerin Kitty Weitkamp und die Annenwalder Malerin Heike Munser kreierten 2007 erstmals diesen Wohlklang – mit viel, viel Enthusiasmus und kaum eigenem Nutzen. Als vergangenes Jahr das Fest wegen Straßenarbeiten aussetzte, barmte die Malerin: „Hoffentlich macht sie weiter, denn wissen Sie – ohne Kitty geht hier nichts.“ Sie ist eine Steherin, aber das musste sie auch werden.
Annenwalde – das uckermärkische Dorf hinter dem Eisernen Vorhang waberte durch alle Familiengeschichten der Weitkamps und war immer präsent. Dort, unweit von Templin, lag für die kindliche Hamburgerin die wahre Heimat. Der Großvater hatte 1933 das Trabergestüt Annenwalde gegründet. Weil er sich in Johanna Brockmann verliebte, verzichtete er auf sein Geburtsrecht und baute diesen östlichsten Zweig des Stammhauses Weitkamp (gelegen in Billerbeck im Münsterland) auf. Im II. Weltkrieg geriet der Großvater Wilhelm in russische Gefangenschaft, während Johanna zunächst mit den Kindern vor den Russen nach Billerbeck floh, kehrte sie doch kaum später allein zurück, um den Besitz vor Beschlagnahme zu sichern. 1948 wurde ihr Mann aus der Gefangenschaft entlassen, aber schon 1953 musste die Familie abermals fliehen. Eine Warnung verhinderte, dass man den Wilhelm „holte“, um unter einem juristischen Vorwand das Gut zu verstaatlichen. Als die Mauer fiel, der Vater als Wiedereinrichter 1990 das Gut auslöste, setzte Kitty das erste Mal ihren Fuß auf Annenwalder Boden und spürte sofort: „Hier bin ich Zuhause.“
Fortan pendelte Kitty zwischen Hamburg und dem uckermärkischen Dorfidyll, machte ihr Abitur und begann Tiermedizin zu studieren. Aber dann erlag der Vater 1995 zwei Tage vor Weihnachten einem Herzinfarkt. In dieser Winternacht wurde Kitty plötzlich Gutsherrin, mit 20 Jahren. 140 Pferde und ein gewaltiges Arial waren zu bewirtschaften, sie musste sich entscheiden und schmiss schließlich das Studium. Die Krise des deutschen Traberrennsports läutete den nächsten Wandel ein: das Gut musste abspecken. Ca. 30 Pferde gibt es heute nur noch, darunter mehr Reit- als Rennpferde. Das Gestüt bietet „Ferien auf dem Reiterhof“ mit kleinen Apartments, Reitstunden, Kutschfahrten und einem urigen Streichelzoo.
Immer samstags vor Totensonntag, ist es so weit: Von 11 bis 18 Uhr lächelt in der Gutscheune wieder die Uckermark. Dazu haben Kitty Weitkamp und Heike Munser die pure Lebensfreude unter dem Dach vereint. Zwischen lebenden Weihnachtsgänsen, saisonalen Leckerbissen, Handwerk, Kunst, Kitsch und Trödel können bei Glühwein, Apfelpunsch und Met, Winterlieder vom Annenwalder Singkreis, Jazz, Funk, Soul und Blues von der Gruppe „Don’t Tell Mama“ und Puppenspiel erlebt werden. Neben dem Markttreiben werden Bastelaktionen, Ponyreiten und Kutschfahrten durch die sehenswerte Umgebung angeboten. Und mittendrin wird Kitty, die starke Winterfrau, hinter dem Glühweinstand zu finden sein.

© Petra Elsner