Morgenstunde (254. Blog-Notat)

Weihnachtspost in Arbeit….

Seit gestern bin ich mit der Weihnachtspost zugange, denn irgendwie stockt die Geschichte. Vielleicht muss sie das auch, weil es doch ein Bedenken von Wirklichkeit ist. Bis dahin kam ich, jetzt lass ich das Blatt einfach mal liegen. Irgendwann geht’s vielleicht weiter oder auch nicht. Ich werd schon spüren, wenn sie gereift ist, dann fällt sie von ganz allein aus dem Baum. Hier der Einstieg:

 

Der Geschichtenbaum

Es weht eine Geschichte um den alten Lindenbaum. Ein Hauch des Schreckens, eine Ahnung nur. Schwer liegt sie sich auf die Schultern der Lebenden. Frag nicht, wie viele schon gegangen sind. Der Lebensatem unter der Linde war immer nur kurz in dieser Sippe, die aus den Bergen kam. Sie strandete auf dem letzten deutschen Hof, gleich hinter der Neiße – ein kühler Ort für Geflüchtete und Vertriebene. Die Liebe war im Frost verloren, für immer. Erstickt im Grauen gewalttätiger Krieger, die sie als Beute nahmen. Louise, schlesische Weberin. Niemals mehr würde ihr geschundener Leib noch Liebe spenden können oder gar wollen. Ihre schmalen Lippen hielten das Geschehen fest unter Verschluss.
Ein frühes Grau blitzte seither aus dem streng gewundenen Haar unter dem flauschigen Kopftuch, das ihre Schönheit verbarg und ihr zerbrochenes Leben auch. Mager war Louises Zeit unter der Linde und unerwünscht. Für ein paar Kartoffeln schuftete sie im Stall des Bruders wie eine Magd. Die Söhne bestellten sein Feld, bis sie weggingen, sich einen neuen Stolz zu suchen. Louise blieb allein, alterte schnell und lebte geduckt in der neuen Zeit. Nur in ihren Albträumen schrie sie laut. Das schlafende Enkelkind neben ihr erwachte von so einem Schauderschrei. „Was ist mit dir?“, fragte es beklommen in die Nacht. Louise aber schwieg.

Die Jahre vergingen. Ina ließ eine weiße Rose in Louises Grab gleiten und wusste indem, nie würde sie erfahren, was es war, das aus einem Wiegenlied wie Mehltau auf ihre Seele fiel. Unerklärlich pochte Louises Schmerz unter Inas Haut. Im Schatten der Linde spürte sie ihm nach. Ein Dunkel lauerte unter dem Geschichtenbaum. Die junge Frau dachte an die Feriensommer bei Louise. Was hatte sie ihr auf der Bank unter der Linde für spannende Geschichten erzählt. Die vom Berggeist Rübezahl. Ina setzte sich auf die morsche Bank und sah hinauf in die mächtige Baumkrone. Ein Rascheln, ein Wispern hing in der spätsommerlichen Luft, als eine Träne aus dem Dunst der Geschichte fiel, ein Bruchstück im Spiegel. Ina fing sie auf der flachen Hand. Im Tränenbild schwamm ein Kriegsschauplatz am Isergebirge wie ein blitzendes Licht, bevor es auf ihrer Haut vertrocknete….

© Petra Elsner, Dezember 2019

 

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