MINIATUREN (2)


Lücke in der Zeit

Als die Zeitung sparen musste, nahm sie keine Artikel mehr von freien Journalisten an. Schlagartig wurde es um den stadtbekannten Schreiber Wolf Kunze still. Keine hundert Mails mehr am Tag, auch das Telefon schwieg. Kunze war verwundert, denn er glaubte wirklich, dass ihn die Leute kontaktierten, weil er so ein feinfühliger Rechercheur war und seine Schreibe liebten. Unzählige Feste hatte er beschrieben, Menschen portraitiert, und so manchen Schwätzer, der sich um Kopf und Kragen redete, verantwortungsvoll beschützt. Nicht über alles, was man erfährt, muss man auch schreiben. Der Mann lebte noch Berufsethos. Aber nun konnte er ganz deutlich spüren: er war den Leuten egal, weil nicht mehr nützlich – und deshalb fiel er aus all ihren Leben.  Bis zu diesem Zeitpunkt vermutete der Schreiber, es bestünde zwischen all diesen Menschen und ihm eine gewisse Verbindung. Was für ein Irrtum. Er raufte sich die Haare, als er das erkannte. Aber gut, dachte der Kunze, von nun an hätte er endlich Zeit für das ganze Lebensbild. Nicht nur für den programmatischen Ausschnitt, den es brauchte, um – während die anderen zu feiern begannen – einen spritzigen Artikel vor Druckschluss zu schreiben, ein Foto auszuwählen, es zu betexten und beides via Mail in die Redaktion zu senden. Anfänglich wäre Kunze gerne bei diesen Festen geblieben, er war schließlich ein quietschfideler Menschenfänger, der auch einen oder zwei Schoppen Rotwein nicht verschmähte. Doch unter dem jahrelangen Termindruck wurde er immer ernster. Das Feste feiern war ihm unwichtiger geworden, bis er nun feststellte, er hatte es vollends verlernt. Wie geht Feiern? Er trank am Rande eines ländlichen Sommerfestes seinen Rotwein und sah still den Leuten beim Lachen und Tanzen zu, aber wusste mit dem was er sah so gar nichts anzufangen. Der Zeilenschinder kannte nur den programmatischen Ausschnitt, das pralle Leben floss schon lange an ihm vorbei.

MINIATUREN (1)

Bettgeflüster

„Der Lack ist ab“, sagt die spindeldürre Frau Krause und hustet, als wollte sie einen Kohlenkeller mit Brocken füllen. Blass ist sie, aber voller Galgenhumor. Oma Schwertfeger liegt gegenüber wie hingerichtet auf dem Krankenhausbett und harrt erwartungsvoll auf ihre nächste Behandlung. Sie ist schon das fünfte Mal in diesem Jahr in dieser Klinik in Gransee, in der die Schwestern besonders nett sind. Oma Schwertfeger ist 93 Jahre alt und nach dem Umzug in das Dorf am Stechlinsee vereinsamt. Der Sohn hat sie vor fünf Jahren dorthin geholt. In die obere Etage seines Hauses. Am See war sie noch nie, sie ist schlecht zu Fuß. Mit jedem weiteren Tag in diesem Krankenzimmer blüht sie auf wie ein Alpenveilchen. Und erzählen kann sie! Aber noch beeindruckender ist ihr Schnarchen in der Nacht. Morgens legt sich Trude mit sechs gebrochenen Rippen in das Bett neben ihr. Sie schläft, als hätte sie seit Wochen keinen Schlaf gefunden. Das Handy surrt und der Alarm ihres Zuckermessgerätes schlägt an. Trude hört nichts, man muss sie wecken. Am Handy nervt der betrunkene Lebenspartner, stündlich ruft er an. Trudes Unfallgeschichte ist dünn, sie deckt jemanden. Nach zwei Tagen schickt man sie zurück ins Leben. Es ist schon nach 16 Uhr. Ich schaue mit der spindeldürren Frau Krause im Laptop „Drei Haselnüsse“ an. Trude steht hinter uns, man merkt, es gefällt ihr in dieser Stimmung. Eine Schwester bringt Pillen und seufzt: „Ach, Haselnüsse, wie schön.“ Trude steht immer noch. Den entlassenden Arztbrief bekam sie schon vor zwei Stunden. Nach dem Dämmern wird es dunkel im Zimmer, nur das Filmlicht flackert. Am Sonntag ist 1. Advent, ich werde wieder daheim sein und bin froh darüber. Trudes Handy surrt und Aschenbrödel reitet zum Ball. Die Tür schlägt auf, das Licht geht an, zwei Schwestern beziehen Trudes Bett neu, sie muss gehen. Wir halten den Film an und verabschieden sie. Eine Neue betritt das Zimmer. (pe)

Hier geht es zu den Lesekostproben:

Flüsterton (1)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/flusterton-1/
Flüsterton (2)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/klausur-woche-iii-2/

Zu den anderen Heften der EDITION.