Räucherwürstchen (17)

Ja, und vielleicht noch diese Geschichte,
bevor ich “Die Mappe meiner Großmutter” erst einmal wieder schließe:

Weihnachten ist es leer im Winsviertel. Die Zugezogenen sind auf Genesungsurlaub in ihre sächsischen, thüringischen, schwäbischen oder bayerischen Bergdörfer entschwunden. Ureinwohner mit Anhang puppen daheim. Es gibt überall Parkplätze in den menschenverwaisten Straßen. Nur hier und da tippelt ´ne Oma durch die kalte Stille, tonlos plaudernd mit ihrem vierbeinigen Freund. Nach 22 Uhr wird es augenblicklich in Karls Kneipe * voll. Stammgäste schleppen nahrhafte Schüsseln durch die Heilige Nacht und bauten in Karls Hinterzimmer ein buntes Büfett auf, das nicht nur die ewigen Singles erfreut. Die selbst erwählte Großfamilie hockt sich dann entspannt zueinander, als wäre es ein seltenes Ereignis.
Es war an einem 1. Feiertag, als wir keine Lust hatten, abends schon wieder in der Küche herum zu wuseln. Ein Anruf bei Karl stellte klar, vom vornächtlichen Abendmahle waren noch Kartoffelsalat und Würstchen übrig. Doch angekommen spürten wir, der Kneiper hatte nicht die Spur Lust auf Gäste. Wir klemmten uns an unser Lieblingsohr am Tresen, während hinten der Fernseher (der gewöhnlich nur zu besonderen Fußballspielen läuft) ein folkloristisches Estradenprogramm röhrte, das den Wirt festnagelte. Irgendwie seltsam. Minuten später. Karl riss sich endlich los, wippte im Federschritt zum Kühlschrank, entnahm Würstchen, schob sie missmutig in die Mikrowelle und schlich mit unsichtbaren Scheuklappen zurück vor die TV-Gala. Er glotzte mit einer gewissen schwermütigen Sehnsucht nach biederer Normalität in die Kiste – ein Anblick, der irritierte. Die Würstchen kreisten ungerührt. Doch irgendetwas roch plötzlich brenzlich. Ich rief nach Karl. Der kam und schaute, schickte achselzuckend die Würstchen auf eine weitere Karussellfahrt. Inzwischen kamen weitere Gäste, die langsam maulten, weil der Zapfer nicht zapfte. Der Rauchgeruch wurde deutlicher. Hinten ratschte ein Stuhl, und Karl schoss wie der Blitz hinter den Tresen. Etwas schepperte, dann kamen die Würstchen, und der Mann raste aufs Klo. Der Rauch wurde zum Qualm, nur was war es eigentlich? Karl tauchte ohne Worte wieder auf, etwas Unförmiges zischte im Spülbecken, und Karl kommentierte es trocken: „Es gibt ja Länder, in denen man Weihnachten Geld verbrennt, weil man an diesem Tage keine Geschäfte machen soll.“ Dann holte er das schwarze Gebilde aus dem Wasser. Es stellte sich als Geldsack heraus. Genauer die kompletten Einnahmen der letzten Nächte. Der Sack qualmte nass weiter, weil die Stücken darin noch unendlich heiß waren. Karl fummelte nach den verkohlten Scheinen und murmelte: „Bin ja selber schuld. Mona hat mich doch noch angerufen und informiert, dass sie das Geld in der Mikrowelle deponiert hat. Hab es einfach vergessen …“ Ja, und so kamen wir zu den exklusivsten Würstchen der Nacht, geräuchert in 2000 Mark. Nachmachen lohnt sich überhaupt nicht, weil: Sie schmeckten keineswegs edler.

PS: Karl hat natürlich nach Wochen das Geld von der Bank erstattet bekommen.

Als das Wins noch Fiasko hieß, 1993 Foto: pe
Als das Wins noch Fiasko hieß, 1993
Foto: pe

* Karls Kneipe hieß damals eigentlich Café Winsenz, das inzwischen Geli Ritter betreibt. Das sogenannte Wins wurde von Tomski Tom 1992 als “Fiasko” an der Winsstraße eröffnet. Zuvor logierte in den Räumen der Großhandel für Fotografiematerialien. Im Kneipenrückbüfett standen damals noch die Büroordner von Mutter Malte. Karl (-Heinz Heymann) gehörte später zu den Gründern und Inhabern des legendären Kaffee Burger.

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