Der Apfelmann & der kleine Apfelkönig

Die wahre Vorgeschichte: Vor etwa einem Jahr schepperte an einem Spätsommersonntag die Glocke am Hoftor und der Apfelmann Jürgen Sinnecker stand mit frohem Gemüt in meinem Tag und fragte nach langem Palaver schlussendlich, weshalb er gekommen war: „Kannst Du mir nicht ein Apfelmärchen schreiben. Eines, dass ich problemlos nächstes Jahr bei der Landesgartenschau in Prenzlau vortragen kann, ohne rechtliche Probleme …?“ Ich nickte, denn der Apfelmann ist so einer, dem man/frau schlecht was abschlagen kann. „Apfelmann“ nennen ihn die Zehdenicker Kinder und der Name passt. Seine Wangen leuchten schön rot im Wind, doch mehr noch seine hellwachen Augen, wenn er nicht gerade krank ist. Der Apfelmann schaut glücklich ins Land, denn er ist ganz bei sich selbst. Er suchte nach alten, regionalen Sorten: Den Lunow, Hasenkopf, Rote Walze, Ochsennase, Gravensteiner, Signe Tillisch … und lernte sie mit der Zeit fachgerecht zu bestimmen. Er ist immer noch ein Lernender. „Manchmal müssen die Pomologen aus Verzweiflung auch mal schwindeln“, scherzt der Mann mit warmer, sinnlicher Stimme, über zuweilen ratlose Apfelbestimmung bei Ausstellungen. „Ich kenn’ mittlerweile das Sortiment von Oberhavel bis weit rein in die Schorfheide – etwa 120 Sorten Naschobst. Und doch erlebt man immer wieder, dass die Sorten durch das Wetter verfälscht sind. Dann erkennt man sie schwer, und genau da beginnt die hohe Schule der Sortenbestimmung …“ Und als unterhaltsames Beiwerk für seine Apfelausstellungen, schrieb ich ihm dieses Märchen: Der kleine Apfelkönig

Der kleine Apfelkönig, Zeichnung von Petra Elsner

Der kleine Apfelkönig, Zeichnung von Petra Elsner

Der kleine Apfelkönig lebte in einem weiten Apfelhain unter der nördlichen Sonne. Er war so rund wie ein schöner Apfel und immer gut gelaunt. Jeden Tag ließ er sich zum Frühstück einen knackigen rotbäckigen Apfel servieren und reimte dazu: „Ein Apfel am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen. Ein Apfel am Abend, ist Sinne labend.“ Dann biss er in die leckere Frucht und seine roten Apfelpausbäckchen tanzten heitere Kreise, während er das saftige Fleisch kaute. Der kleine Apfelkönig hieß Abellio, genauso wie der alte keltische Apfelgott, dem alle Apfelbäume unterstehen sollen. Doch dem göttlichen Gevatter war der kleine Apfelkönig noch nie begegnet, und so herrschte er ohne Ehrfurcht. Besonders wenn im Herbst die roten und prall-grünen Äpfelchen schwer in den Ästen hingen, schlenderte Abellio voller Vorfreude durch sein nahrhaftes Reich und dichtete:  „Wenn der Apfel reif ist, fällt er vom Baume – nicht die Pflaume.“  Oder: „Täglich ein Glas Apfelsaft schützt das Hirn und gibt viel Kraft.“ –  „Isst du drei Äpfel jeden Tag, bekommst du keinen Herzinfarkt.“ – „Wenn dich die Nerven jagen, iss Äpfel, so kannst du ruhig schlafen.“ Der kleine König schrieb schon viele Jahre lang alle seine Sprüche, Reime und Lehrsätze in sein großes Apfelbuch. An stillen Wintertagen las er daraus seinen fleißigen Untertanen vor, damit sie sich das reiche Apfelwissen merkten. „Es ist unser heiliges Wissen. Vergesst es nicht und behütet es gut“, sprach der kleine Apfelkönig sehr bedeutsam, wenn er seine Vorlesung beendete. Eines Tages aber war das große Apfelbuch verschwunden und der kleine König grämte sich: „Wer macht denn so etwas?“ Sein ganzer Wissensschatz über 1000 Apfelsorten und seine Apfelsprüche schienen ihm verloren. Aber er wäre nicht König, wenn Abellio sogleich aufgeben würde. Er rief die Apfelmänner seines Reiches zusammen. Das waren verschwiegene Gefährten, die allerlei betörende Flüssigkeiten dem Apfel abrangen. Mit Genehmigung des kleinen Apfelkönig, versteht sich. Sie sandte Abellio aus, um sein schlaues Buch zu finden. Wer es zurückbringt, dem versprach er einen Goldenen Apfel, der ihm ewige Jugend bringt. Die Apfelmänner nahmen ihre Hunde an die Leinen und zogen los. Tagelang irrten sie umher. Folgten dieser und jener Fährte, bis einer von ihnen, der Jakob, an ein großes Haus gelangte. Es war ein düsteres Gemäuer mit schwerem Eisengitterzaun. So hoch wie zwei Männer. Auf dem Schild an der Pforte war „Industrielle Apfelei – Entwicklungslabor“ zu lesen. Hier schlug Jakobs Hund wie wild an. Ein alter Mann öffnete verstört, und der Apfelmann fragte ihn, was sich denn hinter dem Tor befinde. „Geht dich das etwas an?“, herrschte der Alte und sah ihn mit stechendem Blick an. Aber der Apfelmann ließ sich nicht einschüchtern. „Ich fahnde nach einem gemeinen Dieb, der uns unser Wissen raubte!“ „Einen solchen gibt es hier nicht“, meinte der weißhaarige Mann abwiegelnd. „Wir sind hier nur Forscher, die nach dem Code des Apfels suchen. 300 Inhaltsstoffe haben wir entschlüsselt, aber das sind noch nicht alle.“ Der Apfelmann horchte auf. „Und dazu hab ihr vielleicht das große Apfelbuch vom kleinen Apfelkönig Abellio gebraucht?“ „Was für eine Unterstellung!“, brauste der alte Mann auf, und wollte die schwere Pforte dem Apfelmann vor der Nase zuschlagen. Doch der hatte seinen großen Fuß dazwischengesetzt. Der Alte schob und fluchte, doch so sehr er auch drückte, er bekam die Tür nicht geschlossen. Schließlich druckste er herum: „Na ja, wir wollte nur mal nachsehen, was der kleine Apfelkönig  aufgeschrieben hat – er bekommt es ja zurück.“ Jakob warf mit aller Kraft die Pforte auf: „Gleich und sofort gibst du mir die Schrift! Sonst kommt sie doch noch weg, und ihr verkauft uns dann irgendwann teure Apfelpillen, weil wir den Wert unsere Nationalfrucht nicht mehr kennen. Das werde ich nicht zulassen!“ Er schüttelte den Alten so sehr, bis er das Buch herausgab. Im Gehen sprach Jakob: „Ihr müsst nicht nach der allerletzten Feinheit suchen, esst einfach den Apfel und bleibt gesund.“ Der Alte stampfte wütend mit dem Fuß auf und steckte dem tapferen Apfelmann böse seine Zunge raus. Der aber entschwand mit dem Apfelwissen ins Reich des kleinen Apfelkönigs, der unter der nördlichen Sonne frohen Mutes immer noch nach den Apfelbäumen schaut. © Petra Elsner Aktuelle Veranstaltungen des Zehdenicker Apfelmanns hier: Und das ist er:

Der Apfelmann von Zehdenick, Jürgen Sinnecker Foto: Lutz Reinhardt

Der Apfelmann von Zehdenick, Jürgen Sinnecker
Foto: Lutz Reinhardt

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