Versehrte
Bereits wenn der riesige Mann im braunen Mantel mir entgegenkam, kroch mich ein Schaudern an. Herr Schawan hatte eine tiefliegende Narbe auf der gewölbten Stirn, wie von der Axt getroffen. Das eine Auge irrte flink nach allen Seiten, während sein Glasauge immer streng geradeaus starrte. Eine schwere Strenge umgab diesen gezeichneten Mann, der das Lachen verloren hatte. Die Grausamkeiten des Krieges hingen in seinem Blick wie ein Kainsmal. Es lebten etliche Versehrte und schwarz gekleidete Witwen in unserer Straße, wie überall im Land. Niemand kam an ihnen vorbei, ohne sie mit einem verschämten Blick zu streifen. Kriegszeichen im noch jungen Frieden und die Schuld als Last. Auch mein Vater ging noch an Krücken. Bei der Kesselschlacht auf den Seelower Höhen trafen ihn Granatensplitter. Es war sein erstes und letztes Gefecht auf dieser atemschweren Erde, dass ihn beinahe das linke Bein kostete. Mit dem Segelfliegen war es vorbei, und die Narbenschmerzen blieben ein Leben lang. Die jungen Frauen hassten ihn, wenn er morgens die S-Bahn bestieg, sich in dem Gedränge mit einer Krücke den Weg zu den Sitzbänken stocherte, um dort seinen Schwerbeschädigtenausweis zu zücken. Während er saß und die Zeitung aufschlug, mussten sie eine Stunde lang stehen. Erschöpfung hing blass in ihren Gesichtern.
Und dann gab es noch Hermann. Der konnte keine Stille mehr ertragen. Sein Mundwerk ratterte los, sobald er einen Menschen auf der Straße traf. Ganz gleich, ob bekannt oder unbekannt. Nicht alle Verletzungen sind offensichtlich, aber noch war das ganze Land versehrt, der Schwur „Nie wieder Krieg!“ wurde gelebt beim Anblick der Trümmer und Narben.
Lange her. Glatt sind inzwischen die Fassaden, die Einschüsse verborgen und vergessen „Nie wieder Krieg!“? Die Pazifisten werden neuerdings als naiv beschimpft, und man rüstet wieder. Aber Schwüre bricht man nicht!
