Morgenstunde (405. Blog-Notat)

Das Bienenjahr neigt sich. Gestern hat der Imkergatte die letzten 80 Gläser abgefüllt, den Rest um die 300 Kilo geben wir einem Großmarkthändler. Es kommt bei uns nur ins Glas, was wir hier auf dem Hof bis zur nächsten Saison verkaufen können. Jetzt sollte es stiller werden, wenngleich: die komplette Veröffentlichung des WENDE-STRUDELs auf diesem Blog sorgte in mir für innerliche Turbulenzen. Dieses Leben darin ist so lange her und ehrlich, hätte ich es nicht aufgeschrieben, ich wüsste vieles nicht mehr. Wir waren damals alle so in Eile, so getrieben, dass einen vieles nicht erreichte oder man es rasch ausblendete, um darin nicht zu erstarren. Ich kann mich an eine Geburtstagsfete bei meiner Fotografenfreundin Tina erinnern, bei der diese Niederschrift der Wendezeit von ehemaligen Kollegen „bewundert“ wurde. „Ja, du hast dir die Zeit genommen, die Brüche zu bedenken. Wir sind übergangslos in den Westen gestürmt, der Arbeit und der Kohle nach. Es wird uns später wohl noch einholen und vielleicht sogar krankmachen.“ – meinte einer von ihnen. Stimmt schon, bei mir war das alles erst mal raus und von der Seele, doch die Verhältnisse steckten für mich lange im Stau. Weil ich keine Arbeit und damit keine neuen Chancen fand, schrieb ich am zweiten Buchmanuskript (das später auch niemand haben wollte), dann Umzug, Scheidung. In dem neuen Leben bekam ich nie wieder eine Festanstellung. Zu alt und damit zu teuer. Mit einer Ostkorrespondenz für ein Baumagazin in Langenfeld machte ich mich schließlich 1994 selbstständig. Später schrieb ich für ein Berliner Häuslebauer-Blatt als freie Pauschalistin. Ende der 90er stürzte die Baukrise diese Fachzeitschriften allesamt mit in die Krise. Den Freien blieb man monatelang ausstehende Honorare schuldig, was unser Leben noch ganz anders ins Trudeln brachte. Damals wäre ich fast daran gestorben, ich wog noch 48 Kilo und ich kann wirklich nicht mehr sagen, wie wir das geschafft haben, ohne Insolvenz uns da wieder rauszuarbeiten. Man wird darüber streng mit sich und hart im Nehmen. Die Kunst, das nächtliche, absichtslose Arbeiten an Bildern oder die kleinen Auszeiten auf dem Balkon für das Schreiben eines Märchens (“Wallos seltsame Reise” entstand damals), eben eine Woche Wegträumen, um mich auszuruhen, dass war es wohl, was mich am Leben hielt. Irgendwann Mitte der 2000er Jahre wurde es etwas leichter. Aber es blieb bis zuletzt ein ächzendes Laufrad, weil die Honorare der Freien in Ostbrandenburg seither nur fallen, statt steigen. Aber darüber muss ich Euch ja nichts mehr erzählen… ist Alltag für die Freiberufler hier im Osten…

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