Morgenstunde (84. Blog-Notat)

Fühlt sich an wie Sommer-Depri. Vielleicht. Ich kuschle mich heut in der Frühe noch in den Kissen, als der Liebste mit der Werkstatt spricht. Das Auto ruckt und ruckelt wieder. Sensor oder Benzinpumpe?  In jedem Fall wird es wieder teuer. Dieses gebrauchte Auto frisst monatlich die Notgroschen nach seinen Werkstatt-Terminen weg und will sich einfach nicht erholen. Es hat uns niemand verraten, aber ich fürchte, es ist ein Montagsauto, in dem so ein gefräßiger Montagswurm schlängelt. Man kriegt ihn einfach nicht zu fassen. Vor Jahren hab‘ ich mal diesen Text über den Typen geschrieben, aber ich glaube, in diesem Fall hilft mein damaliger Rat nicht. Ich bin ratlos und traurig.

Der Montagswurm
Zeichnung: Petra Elsner

Der Montagswurm

Das Jagdrevier des Montagswurms ist unermesslich. Gewiss, eine märkische Spezialität ist er nicht, aber man kann ihm auch hier ganzjährig immer montags begegnen. Einige sind winzig wie Glühwürmchen, andere hingegen lang wie die Oder. Er lauert bereits im Morgengrauen in Straßengräben und an Schienensträngen. Am allerliebsten provoziert er einen mächtigen Stau, denn darin kann er sich so richtig satt fressen und endlos wachsen. Wovon er sich ernährt? Der Montagswurm frisst Zeit und rülpst dazu ansteckende schlechte Laune unter die Leute. Zeit, die er raubt, ist unwiederbringlich. Deshalb werden am Montagabend den Verrichtungen der Bestohlenen seinetwegen viele Details fehlen. Gleich jenem berüchtigten Montagsauto, das wahrlich keiner besitzen will.
Ein besonders gefräßiger Montagswurm belagert gern die Trasse des RE 1. Maulwurfartig taucht er urplötzlich als Baustelle hinter Fangschleuse auf und verprasst dort massenweise Montagsminuten von gestressten Pendlern, vollmundigen Studenten-Selbstdarstellern, feierlaunigen Ausflüglern, Fastfood futternden Auszubildenden, dubiosen Schmugglern oder schlicht:  Reisenden. Vielleicht walten ja nur deshalb einige Zugbegleiter auf dieser Linie so unerhört barsch, unhöflich und manchmal sogar richtig militant ihres Amtes als Servicepersonal. Sie sind offenbar nur genervt von diesem Montagswurm, dem es gut gelingt, jene Dienstleister die ganze Woche über anzusäuern.
Also, wenn Sie das nächste Mal einem Montagswurm begegnen – Ruhe bewahren! Luft anhalten, bis sich sein Schlechte-Laune-Atem verzogen hat (nach drei Sekunden ist er wirkungslos). Der allein produziert nämlich erst das Fluidum, in dem ein Montagswurm zum Giganten mutiert. Und sollten Sie ganz ungewollt bereits in seiner Falle stecken, dann schauen Sie sich derweil ein liebgewordenes Erinnerungsfoto an (nicht vergessen, eines einzustecken), das Sie zum Lächeln und auf andere Gedanken bringt. Dann verschwindet der Typ – lautlos und ganz unauffällig.

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Der Montagswurm

Das Jagdrevier des Montagswurms ist unermesslich. Gewiss, eine märkische Spezialität ist er nicht, aber man kann ihm auch hier ganzjährig immer montags begegnen. Einige sind winzig wie Glühwürmchen, andere hingegen lang wie die Oder. Er lauert bereits im Morgengrauen in Straßengräben und an Schienensträngen. Am allerliebsten provoziert er einen mächtigen Stau, denn darin kann er sich so richtig satt fressen und endlos wachsen. Wovon er sich ernährt? Der Montagswurm frisst Zeit und rülpst dazu ansteckende schlechte Laune unter die Leute. Zeit, die er raubt, ist unwiederbringlich. Deshalb werden am Montagabend den Verrichtungen der Bestohlenen seinetwegen viele Details fehlen. Gleich jenem berüchtigten Montagsauto, das wahrlich keiner besitzen will.
Ein besonders gefräßiger Montagswurm belagert gern die Trasse des RE 1. Maulwurfartig taucht er urplötzlich als Baustelle hinter Fangschleuse auf und verprasst dort massenweise Montagsminuten von gestressten Pendlern, vollmundigen Studenten-Selbstdarstellern, feierlaunigen Ausflüglern, Fastfood futternden Auszubildenden, dubiosen Schmugglern oder schlicht:  Reisenden. Vielleicht walten ja nur deshalb einige Zugbegleiter auf dieser Linie so unerhört barsch, unhöflich und manchmal sogar richtig militant ihres Amtes als Servicepersonal. Sie sind offenbar nur genervt von diesem Montagswurm, dem es gut gelingt, jene Dienstleister die ganze Woche über anzusäuern.
Also, wenn Sie das nächste Mal einem Montagswurm begegnen – Ruhe bewahren! Luft anhalten, bis sich sein Schlechte-Laune-Atem verzogen hat (nach drei Sekunden ist er wirkungslos). Der allein produziert nämlich erst das Fluidum, in dem ein Montagswurm zum Giganten mutiert. Und sollten Sie ganz ungewollt bereits in seiner Falle stecken, dann schauen Sie sich derweil ein liebgewordenes Erinnerungsfoto an (nicht vergessen, eines einzustecken), das Sie zum Lächeln und auf andere Gedanken bringt. Dann verschwindet der Typ – lautlos und ganz unauffällig.
© Petra Elsner

Der Montagswurm Zeichnung: Petra Elsner
Der Montagswurm
Zeichnung: Petra Elsner

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