„Meine Winsstraße“ von Knut Elstermann

Vielleicht fühlt er noch „seinen Abdruck in der Luft“. Der charmante Geschichtenerzähler und Filmkritiker Knut Elstermann spürte ihm jedenfalls nach und entführt mit seinem neuesten Buch  „Meine Winsstraße“ in eine alte Berliner Meile, die die urbane Topographie seiner Kindheit ausmacht. Die ritterliche Figur im Giebel der Nummer 61, hielt der Junge für einen nahen Verwandten des Comic-Helden Runkel. Sein verwunschenes „Ritterhaus“ ist heute eine erstklassig sanierte Immobilie, die schönste in der Straße. Von diesem Wandel und dem kindlichen Lebensraum der „nie vollständig erfahrbaren Stadt Berlin“ spricht Elstermann auf sehr unterhaltsamen 140 Seiten. Dafür ist er ein Jahr lang immer wieder in die Winsstraße zurückgekehrt, um nach Menschen zu schauen, die es zwischen diesen Stadtsteinen gab und gibt. Berühmte Bewohner wie den Entertainer Hans Rosenthal, den Filmer Konrad Wolf … und weniger bekannte Leuten. Denn das quirlige, wirkliche Leben der „zentrumslosen Metropole“ findet nach Elstermann „an den Rändern“ statt.
Zum Beispiel Uschi aus dem „La Bohème“, einem der vielen öffentlichen Wohnzimmer an der Wins. Früher war es ein Gemüseladen. Uschi, Jahrgang 49, gehört zum melancholischen Urgestein des Kiezes. Sie erzählt vom jüngsten Bevölkerungsaustausch und der Autor ihre bewegende Geschichte. Von der belesenen Kellnerin, die mit Kollegen den berühmten Brecht-Keller in der Chausseestraße aufmachte. Dort sollte sie vergrault werden. Und deshalb landete sie, wegen angeblichem (und nie gerichtlich verhandeltem) Betrug, im Knast. 1999 eröffnete die ungebrochene Frau den Klamottenladen mit dem verruchtem Namen, der 2003 Pleite ging und indes mit neuem Kiez-Inhalt gefüllt wurde.
Elstermann öffnet bedacht für den Leser Türen, schaut mit journalistischem Gespür in die Zimmer dahinter, bis tief in die Herzen und findet dabei ein nicht gesuchtes Familiengeheimnis, einen Halbbruder. Das wirft seine Kindheitsmuster komplett durcheinander …
„Meine Winsstraße“ ist reich an Entdeckungen der besonderen Art und resümiert tolerant und weise: „Der Osten ließ das ruinierte Haus (Ritterhaus) verdämmern, der Westen seine alten Bewohner verschwinden. Dieses Paradoxum schwebt über meiner Winsstraße wie ein unsichtbares Schriftband: ‚Ich wäre nicht mehr, die ich bin, wenn sich nicht alles gewandelt hätte.‘“
© Petra Elsner

Cover
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„Meine Winsstraße“ ist  im Oktober 2013 im be.bra verlag erschienen.
ISBN: 978-3-89809-107-7, Preis: 9.95 Euro

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Meine Winsstraße – eine Buchpremiere

Die Berliner Nacht hängt mir noch in den Haarspitzen, denn es zeigte sich, das Pflaster dort, auf  der alten Winsstraße, ist immer noch heiß, zumal wir beinahe eine Italienische Nacht erleben konnten. Im T-Shirt um 2 Uhr morgens heizten uns noch die Stadtsteine immer noch ein. Die Freisitze der Szenelokale waren bevölkert wie im Sommer.  Wir übernachteten in dem Haus Ecke Wins-/Chodowiekistraße, in dem wir sieben sehr lebendige  Jahre lebten  (bis 2008). Das Haus hat schönerweise eine Pension im Erdgeschoss  …

Knut Elerstermann liest im Kino Babylon, Foto: P. Elsner
Knut Elstermann liest im Kino Babylon,
Foto: P. Elsner

Wir hatten am Abend eine wunderbare Buchpremiere mit Knut Elstermann erlebt. Der uns wie eine Plaudertasche leichtfüßig und zugleich mit Hintersinn in die Straße seiner Kindheit entführte. Mit Witz und großer Routine moderierte er sich selbst. Zwischen den gelesenen Geschichten aus „Meine Winsstraße“, kommentierte Elstermann alte Fotos. Die Standbilder verweilten jeweils 60 Sekunden auf der Bühne des alten Babylons, und der Meister spürte plötzlich, so eine Minute ist lang. Also schwieg er zu jedem Bild gut mal 20 Sekunden, schmunzelnd über die Bild-Regie.

In den nächsten Tagen werde ich das Bändchen lesen und hier besprechen, aber man kann aus dem Gehörten schon erkennen, es lohnt sich das Bändchen des charmanten Geschichtenerzählers sich zu gönnen. Erschienen ist „Meine Winsstraße“ im be.bra verlag und für schlappe 9.95 Euro zu haben.

Und wir sind wieder zurück im Schorfeidewald.

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