Lücke in der Zeit
Als die Zeitung sparen musste, nahm sie keine Artikel mehr von freien Journalisten an. Schlagartig wurde es um den stadtbekannten Schreiber Wolf Kunze still. Keine hundert Mails mehr am Tag, auch das Telefon schwieg. Kunze war verwundert, denn er glaubte wirklich, dass ihn die Leute kontaktierten, weil er so ein feinfühliger Rechercheur war und seine Schreibe liebten. Unzählige Feste hatte er beschrieben, Menschen portraitiert, und so manchen Schwätzer, der sich um Kopf und Kragen redete, verantwortungsvoll beschützt. Nicht über alles, was man erfährt, muss man auch schreiben. Der Mann lebte noch Berufsethos. Aber nun konnte er ganz deutlich spüren: er war den Leuten egal, weil nicht mehr nützlich – und deshalb fiel er aus all ihren Leben. Bis zu diesem Zeitpunkt vermutete der Schreiber, es bestünde zwischen all diesen Menschen und ihm eine gewisse Verbindung. Was für ein Irrtum. Er raufte sich die Haare, als er das erkannte. Aber gut, dachte der Kunze, von nun an hätte er endlich Zeit für das ganze Lebensbild. Nicht nur für den programmatischen Ausschnitt, den es brauchte, um – während die anderen zu feiern begannen – einen spritzigen Artikel vor Druckschluss zu schreiben, ein Foto auszuwählen, es zu betexten und beides via Mail in die Redaktion zu senden. Anfänglich wäre Kunze gerne bei diesen Festen geblieben, er war schließlich ein quietschfideler Menschenfänger, der auch einen oder zwei Schoppen Rotwein nicht verschmähte. Doch unter dem jahrelangen Termindruck wurde er immer ernster. Das Feste feiern war ihm unwichtiger geworden, bis er nun feststellte, er hatte es vollends verlernt. Wie geht Feiern? Er trank am Rande eines ländlichen Sommerfestes seinen Rotwein und sah still den Leuten beim Lachen und Tanzen zu, aber wusste mit dem was er sah so gar nichts anzufangen. Der Zeilenschinder kannte nur den programmatischen Ausschnitt, das pralle Leben floss schon lange an ihm vorbei.
