Milchmond (10)

Foto: Petra Elsner

… Alfons Reichelt lächelte väterlich, als er seinem jüngeren Freund die Tür öffnete: „Du wirst es nicht glauben Otto, ich bin gestern einem Wolf begegnet. Einem Einzelgänger. Ich stand auf einer kleinen Anhöhe bei der Eichenheide und schaute still ins Land, da hörte ich ihn hecheln. Er überquerte vor mir den Weg, blieb stehen, warf mir einen scheuen Blick zu, dann zog er seiner Wege.“ Ein Leuchten husche über die Blicke der Herren. Die Begebenheit passte einfach super zu ihrem Thema „Die Schorfheide – Wolfserwartungsgebiet“. Beide Männer versuchten künstlerisch diesem Szenario nachzugehen. Der eine mit Fotos und Texten, der andere mit Skulpturen in Stein gehauen. Dass die Reichelts vor zehn Jahren vom Rhein nach Friedrichswalde zogen lag daran, dass Dora Reichelt bei ihren Besorgungen über die Broschüre „Wölfe in Brandenburg“ stolperte. Zurück daheim wedelte sie mit dem Teil und frohlockte: „Alfons, wir verbringen das Alter nicht in Frankreich, wir ziehen in den Osten Brandenburgs.“ Das taten sie dann auch, denn das Paar wollte seinen letzten Lebensabschnitt in einer Landschaft beginnen, in der der Wolf noch oder wieder Zuhause ist. Es suchte genau diese spezielle Qualität von Natur, mit der es eins sein wollte bis ans Ende ihrer Tage. Dass Alfons zu alle dem noch einen neuen Freund fand, war das größte Glück des Bildhauers. Otto Ehrenburg schätzte Reichelts Gespür für Wildnis und Steine und verstand seine handverwandelten Chimären. Ganzjährig stehen die Bildwerke in Wind und Wetter auf seinem Skulpturenhof, setzen Moos an und werden wieder eins mit dem Landschaftsbild der Schorfheide, dem sie entsprangen: Ein Kranichpaar, Hirschgötzen, verschiedenstes Blattwerk, Vogelstelen und Motive aus dem Schmelz von Tier und Mensch. Es sind Grenzsteine zwischen Alltag und Kunst. So blieb der Zugezogene kein Fremder. Er passte hierher, als wäre er schon immer hier gewesen, bodenständig und voller Liebe. Jetzt dachten die zwei Männer über eine gemeinsame Ausstellung nach. Der Wolf im Zeitspiegel. Sie wussten, so ein Stoff provoziert…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

 

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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Johann im Eichenbaum

„Aus der Pfalz in die Schorfheide“  – Ronald Gerhardts literarische Chronik über Friedrichwalde

Wer nach Friedrichswalde kommt, den grüßt am Ortseingang ein lebensgroßer Holzschuhmacher aus seiner Werkstatt und lädt den Passanten zum Rasten ein. Seit dem 26. November 2005 ist dieser Holzmann das neue Wahrzeichen des Ortes, der unter Friedrich II von Pfälzer Kolonisten besiedelt wurde. Im Gepäck hatten jene ein Handwerk, das im heutigen Friedrichswalde eine Renaissance erlebt – als touristische Attraktion und als historische Wurzel. Ronald Gerhardt hat die Geschichte Friedrichswalder Siedler als literarische Chronik aufgeschrieben, die bei Books on Demand für 7.90 Euro erschienen ist. Auf 140 Seiten erzählt der Autor faktengespickt, in klaren Sprachbildern. Als Klammer vom Damals zum Heute hat eine selbst ersonnene Legende als Brücke über die Zeit gespannt – die Legende von Johann im Eichenbaum. Verbannt wegen eines Waldfrevels, grüßt er heute befreit und kündet von einer langen Geschichte. Die hat Ronald Gerhardt in seinem Taschenbuch „Aus der Pfalz in die Schorfheide“ unterhaltsam notiert.
Petra Elsner

Cover
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„Aus der Pfalz in die Schorfheide“,  Ronald Gerhardt, ISBN 978-3-8391-5020-7

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