Berlins alte Haut: Die Assel an der Oranienburger und die Spreeinsel

Die Assel an der Oranienburger Straße 21 war damals meine Liebelingscafékneipe, einer der ersten Szenekneipen nach dem Mauerfall …

Berlin Mitte im Wandel (notiert 2003)

Auf der Spreeinsel – bevor das Kanzleramt kam. Im Hintergrund die Charité.

Nirgendwo hat sich Berlin nach der Wende und der Vereinigung von Ost- und Weststadt so extrem verändert wie in Mitte. Während Mauerspechte das Sinnbild des eisernen Vorhangs in einen Schweizer Käse verwandelten, waren es Künstler aus 21 Ländern, die auf die östliche Mauerschneise zogen, um die „East Side Gallery“ auf 1,3 Kilometern an der Mühlenstraße mit über hundert Kunstwerken zu gestalten. Nur wenige Werke haben die Zeit überdauert, denn das Zeugnis der Teilung ist fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Man muss heute schon ins Museum Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße gehen, um dem politischen und menschlichen Drama des monströsen Grenzstreifens nachzuspüren.

Auf der Spreeinsel nach dem Mauerfall. Im Hintergrund  der alte Reichstag.

Selbst Einheimische hatten während der intensiven Bauzeit von Beginn der 90er Jahre bis in die Gegenwart am Potsdamer Platz, der Friedrichstraße und dem Regierungsviertel zuweilen erhebliche Schwierigkeiten sich noch zurechtzufinden. Denn die alten Orientierungspunkte im Stadtbild verdecken heute ungleich viele neue. Es findet sich kaum ein Ort, der nicht verwandelt wurde.

Dort, wo heute stolz das Kanzleramt thront, lag noch vor zwölf Jahren eine grüne Brache und dämmerte in der Zeit, als urplötzlich das Herz der Großstadt hier wild und arhythmisch schlug. Ein Experimentierfeld für Schrott- und Überlebenskünstler entstand.

Berlins Mitte, das einstige Machtzentrum, bot nach NS- und DDR-Zeit mit dem Mauerfall plötzlich kreative Spielplätze, über deren Ausmaß die keine deutsche Stadt mehr verfügte. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse und die verwaisten Plätze der Macht machten es möglich. So kamen auch hierhin Künstler aus aller Welt, um zwischen Spreebogen und Spandauer Vorstadt das Vakuum mit einem bunten Zwischenleben auszufüllen, dass heute immer noch die Touristen bei ihrem Bummel zum Kunsthaus Tacheles an der Oranienburger Straße vermuten. Doch die alternative Inszenierung hat sich mit der schicken Sanierung des Viertels verflüchtigt. Die Kunst- und Kneipenszene am Straßenland entlang der Oranienburger-, Tucholsky-,  August- und Gipsstraße ist nobel geworden. Und auch in den Hackeschen- und den Sophienhöfen steppt nun lustvoll der Luxusbär.  Diese neue Flaniermeile, nur einen Steinwurf von der altehrwürdigen Museumsinsel entfernt, läuft so zuweilen dem zu DDR-Zeiten erbauten Nikolaiviertel am Roten Rathaus als touristische Attraktion den Rang ab. Indes beleben die Kreativen der ersten Stunde nach dem Mauerfall andere Quartiere. Beispielsweise den Beusselkiez im Ortsteil Moabit (Tiergarten) oder die Soldiner- und Wollankstraße im Wedding. Stadtteile, die seit 2001 zum Großbezirk Berlin-Mitte gehören.

Es scheint so, als ebnete die alternative Kunst in der Stadt immer neue Lebenswege. Öde oder vernachlässigte Winkel erhalten durch sie einen Hauch von Stadtabenteuer. Das zieht Touristen, und jenen folgen auch hier gern Investoren nach. Jene letztere kann Berlin nicht nur am Postdamer-, am Pariser Platz und am Alexanderplatz gebrauchen. Denn mit der Gründung des neuen Großbezirkes gehören nun Stadtteile zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Mag der Übergang von der alten Mitte durch das 2002 frisch sanierte Brandenburger Tor hinüber zum Tiergarten mit dem Reichstag, Siegessäule, dem Haus der Kulturen der Welt an der Spree, der Philharmonie und dem Kulturforum am Kemperplatz seidenweich muten. In den Wohnkiezen abseits vom neuen Hamburger Bahnhof mit seinem Museum für Gegenwart, dem neuen Hauptbahnhof Lehrter Bahnhof, dem Zoologischen Garten und dem Schloss Bellevue vollzieht sich noch zäh der Stadtwandel vom Industrie- ins Dienstleistungszeitalter. Die Osram-Höfe, als inzwischen begehrter Gewerbe- und Technologiestandort und das neue Gesundbrunnen-Center, einer der größten Berliner Einkaufstempel, sind einige Startzeichen dieser neuen Zeit. Schon rund zwei Drittel der Arbeitnehmer im Ortsteil Wedding arbeiten heute im Dienstleistungssektor. Aber noch ist gerade dieser Stadtteil vom anhaltenden Verlust industrieller Arbeitsplätze besonders betroffen. Gegen den Lehrstand und somit den Niedergang von intakten Stadtlandschaften, wirken im Tiergarten und Wedding fünf Quartier-Managements mit ihren Angeboten vornehmlich Arbeitslosigkeit und Konflikten zwischen den verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen entgegen.
© Petra Elsner

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