Wilde Zeiten oder die Freundinnenfamilie

Sie mögen Extreme: Schrille Partys und stille Friedhöfe. Stadt und Weite. Mal sind sie graue Mäuse, mal schillernde Stadtfalter. Eben moderne Frauen, lebenshungrig, voller Lust und Energie und alleinstehende Mütter. Stadtmütter in Berlin mit internationalem Netzwerk. Scheinbar leicht nehmen sie die Tücken ihres Alleinseins, den kirren Alltag und die permanente Ebbe im Portemonnaie. Aber sind sie allein? Silke, Antje und Tecla waren sich zeitweise Wahlfamilie.

Foto: Petra Elsner
Foto: Petra Elsner

In New York klingelt ein Telefon. Der Logiergast Silke hebt ab und hört eine deutsche Stimme: „Erkennst du mich wieder?“ Die Vorstellung der Hörerin war vage. Antje schwärmt noch heute, wie schön Silke damals bei ihrer flüchtigen Berliner Begegnung war. Eine wilde, bunte Mauertänzerin, eine spontane Ostfrau, auf die kein Klischee passt. Silke ist die Neugier selbst, mit der Aura einer netten Menschenfängerin. Logisch, dass aus ihr eine Sozialarbeiterin werden musste. Für Antje war sie nachhaltige Entdeckung, wie die wellige Weite des umliegenden Brandenburger Landes nach dem Mauerfall. Damals – Anfang der 90er.

Hof in der Auguststraße 1993 Foto: Petra Elsner
Hof in der Auguststraße 1993
Foto: Petra Elsner

Antje, die Träumerin, ist auch eine Schöne, oder besser: Eine kokette Anmut mit Schnauze. Irgendwie war es klar, wenn diese beiden menschlichen Strudel zueinander finden, entsteht mehr als ein Wellengang im Whirlpool. Erst galten sie sich nur als Menschen auf gleicher Welle, mit denen man Extremreisen antritt. Wie weit kommt man/frau durch Amerika mit wenig Geld? Silke hatte schon Söhnchen Theo, und Robert lebte noch mit ihr. Antje würde bald ihre kleine Tochter Lisa in Berlin bei den Großeltern in Pflege geben, um an der Filmhochschule in San Francisco zu studieren. Erst viel später, als Antje wieder ein Kind erwartete und deswegen nach Berlin zurückkehrte, sollten die Begegnungen mehr als ein Abenteuer werden.

Tecla, die dritte im späteren Bunde, kam etwa zeitgleich mit Baby und Mann aus Amsterdam nach Berlin und suchte nach einem Netzwerk. Gut, dass die Grüblerin augenblicklich bei Silke, der Netzeflechterin, den ersten Wohnunterschlupf fand. Diese neue menschliche Verbindung sollte ihr später Halt geben, als ihre Ehe brach. Wie gemeißelt wirkt die schlanke Gestalt, die mit Vorliebe in Overalls schlüpft. Feminin und burschikos zugleich. Den Mintgrünen hat Tecla wie vieles aus zweiter Hand. Aber die Grazie trägt ihn, als wäre er aus einem Nobelshop. Haltung ist eben alles. Schon mit 17 jobte die Holländerin als Fotomodell quer durch Europa. Mit 25 Jahren lernte sie Schweißen. Ab und zu findet sie in Kunstprojekten Kurzjobs. Dazwischen lebt sie von der Stütze. Das ist ihr unangenehm. Ihre Entscheidungen im Stau: Berlin oder Amsterdam? Zurück zur alten Liebe? Weiter im Risiko oder sicherer leben? Gedankenmarter. Selbständigkeit – Teclas Mutprobe? Vielleicht. Nur eines ist klar: „Ich will ein eigenes Schweißgerät kaufen, eine Kellerwerkstatt aufbauen und durchgängig Arbeiten.“ Wenn die stark mutende Frau wieder mal instabil wird, schaut sie auf die Freundinnen Antje und Silke. „Von ihnen lerne ich über Mauern zu klettern und schnell zu reagieren.“

Unverstellt über Alltagshürden

Inzwischen sind sich die Frauen mehr als nur spannender Freizeitvertreib. Ein, zwei Auslandsreisen mit den Kids unternehmen sie immer noch im Jahr. Aber noch vieles mehr. Denn – so oder so – sie leben seither nicht mehr mit den Vätern ihrer Kinder. Neue Männer gleichen Eintagsfliegen. Vielleicht weil in dem Alltag der Mütter die Verantwortung für den Nachwuchs wohnt. Zu stressig. Unbewusst bildeten die Frauen ihre Wahlfamilie, in der sie unverstellt leben. Gleich, ob eine Liebeskummer plagt oder eine Rechnung – „Ich weiß nicht wie?“ – zu begleichen ist, klingelt nachts reihum das Telefon. Jede behielt ihr Eigenleben. Das meinen sie, macht ihr Dreieck so interessant. Antje in Kreuzberg, Silke im Prenzlauer Berg und Tecla in Mitte. Donnerstags spielen sie im Monbijoupark Volleyball. Sonst treffen sie sich nur, wenn der Alltag zu heftig zuschlägt. Dann ziehen sie, bezaubernd verkleidet, in die Clubs von Berlin-Mitte. Allein die Verwandlung ist eine Lust. Die Kosten? Ah, das ist nur in dieser Stadt denkbar: Nachts, gegen 3.00 Uhr, da kann man um jeden Eintrittspreis handeln. Diese Deals übernimmt Silke vollkommen skrupellos. Oft umsonst oder für ein Spottgeld verschafft sie den Einlass in die ewige Party. Fehlendes Geld ist kein Grund daheim zu bleiben. Man kann abends unzählige Vernissagen und Kunstaktionen der Off Szene besuchen. Zutritt und Wein sind gratis. Aber Tecla kocht auch gerne mal für ihre Gäste, jeder bringt dafür etwas mit. Nebenan spielen die Kids Kinderhotel und die Frauen bereden sich. Selbstentdeckungsreisen: Wer sind wir wirklich? Antje beispielsweise fand irgendwann gar keine Zeit mehr für Männer: „Ich hatte zwar Lust, aber sie passten einfach nicht mehr in meinen Tag.“ Wer Räume verlässt, muss sich nicht wundern, dass sie anderweitig gefüllt werden. „Das sind die 90er.“ Konstatiert Antje ein wenig ratlos: „Niemand weiß mehr richtig, wie eine Beziehung mit Kindern aussehen soll. Jeder will seine Freiheiten, jeder kann sich allein ernähren. Jeder kann Karriere machen und es können Kinder dasein. Nur, wer zuerst? Total schwierig.“

Im Tacheles an der Oranienburger Straße Foto: Petra Elsner
Im Tacheles an der Oranienburger Straße
Foto: Petra Elsner

Wir sind mehr als nur Mütter

Wenn die drei Frauen von Anfang Dreißig unterwegs und gut drauf sind, heben sie ab wie Teenager. Womöglich tragen sie gerade ihre roten Arbeitsoveralls. Die signalisieren schon von weitem: Die drei gehören zusammen. Silke erinnert sich: „Das war eine Idee auf unserer Reise nach Linz. Von Künstlern eingeladen, waren wir irgendwie zu kurz gekommen. Diese Erfolgsmänner ohne Kinder! Wir wollten eine eigene Idee durchziehen. Die roten Anzüge setzten wir danach als ein Zeichen: ‘Wir sind auch wer. Haben Kinder und ziehen unsere Jobs oder unsere Uni durch.’ Die Chancen werden noch kommen.“

Dazu gehört auch, sich einander Möglichkeiten, Freiräume zu schaffen. Wer Zeit hat holt die Kinder und umsorgt sie. Babysitter sind zu teuer. Silke erklärt: „Unsere Kinder sind nicht Hauptlebensinhalt. Sie gehören dazu, das ist akzeptiert. Aber wir schränken uns nicht ein, nur weil wir Mütter sind. Wir schauen darauf, was die Kids brauchen. Das muss nicht unbedingt und zu allen Zeiten die Mama, das kann auch mal der Opa sein. Aber dazu bedarf es eben auch toleranter Großeltern.“ Antje bekam das erste Töchterchen Lisa mit 17. Dennoch konnte sie ihr Abitur beenden und studieren. Beide Kinder wiesen ihr aber auch den Weg: Die Ausbildung durchhalten, um später unabhängig zu sein.

Als sie unlängst dreißig wurde, stand die Frau vor dem Spiegel und dachte bei sich: „Wau, ich hab’ zwei Kinder, Spaß, ich studiere, habe Jobs und Freunde. Ich fühle mich wohl. Plötzlich kippte der Gedanke. Warte mal – du hast nichts! Auf dem Konto Null. Nun gut, sagte ich mir, das hast du jetzt lang genug gelebt. Schaff’ jetzt Sicherheiten. Seither erarbeite ich neben dem Studium für ntv und SAT1 3D-Animationen. Acht Tage im Monat, das bringt schönes Geld. Nichts für immer. Ich bin wohl inzwischen die Kapitalistischste von uns dreien. Will einfach Geld besitzen, um mehr Freiheiten zu haben.“

Silke hat immer noch permanent plus-minus-Null auf dem Konto, verrät aber gelassen: „Ich konnte mich während der letzten vier Studienjahre problemlos darauf einstellen. Ich lass’ einfach viel weg und improvisiere. Es muss nicht das neue Möbel sein, es ist eben eines vom Trödel. Klar habe ich anfänglich über Nebenjobs nachgedacht, entschied aber, diese Zeit gehört meinem Sohn Theo. Um Reisegeld zu verdienen, nutze ich lieber einen Teil der Semesterferien. Ich bin ja bereits gelernte Erzieherin, kann also bei allen möglichen Kinderferienprojekten mitmachen. Im Alltag helfen geldlose Tauschgeschäfte: Ich kann Nähen und brauche zum Beispiel Korrekturleser für meine Diplomarbeit. Dann tauscht man/frau Fähigkeiten. Das Bafög stocke ich mir durch Jogaunterricht auf, den ich einmal wöchentlich gebe. Obwohl Tecla und ich auf dem Minimum leben, jammern wir dem Geld, das wir nicht haben, nicht hinterher.“

Einander stark machen, um neu durchzustarten

Die Freundinnen-Familie war nicht geplant. Bis jede wieder etwas anderes lebt, konnte sie entstehen, weil sich die jungen Mütter ähneln. Was die eine nicht hat, ersetzt die Stärke der anderen. Antje skizziert: „Manchmal leben wir alle Gefühle zu intensiv – Traurigsein, Sehnsucht, Verlassensein oder Liebe und auch den Spaß. Aber wenn man das erträgt, kann man alles auch Leben. Jetzt spüre ich, ich möchte mich mal wieder mit einem Mann auseinandersetzen. Das kommt fraglos demnächst. Eine Zeitlang nur mit Frauen auszugehen, Balance zu finden, sich gegenseitig lebensfit zu halten, das war für uns alle hilfreich. Aber irgendwann nervte das – nur Frauenkontakte.“

Zwischenzeit in Berlin eben. Und bestimmt kann die sonst so klammernde Silke auch wieder loslassen: „Egal, was passiert, ich weiß jetzt, da sind Menschen an meiner Seite, die immer nach mir schauen werden. Auch wenn die Entfernungen wieder größer werden. Die Angst, dass jemand von mir geht, die kannte ich nur mit Männern. Antje und Tecla haben die von mir genommen. Ein schönes, ein freies Gefühl.“

© Petra Elsner

Aufrufe: 541

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.