Der Apfelmann

Zum Gedenken an einen guten Freund, den Apfelmann von Zehdenick, der nach schwerer Krankheit jetzt im Apfelhimmel wohnt, stelle ich eine hier meine erste Begegnung  mit ihm aus dem Jahre 2010 ein.

 Von der Leidenschaft zur Paradiesfrucht

„Apfelmann“ nennen ihn die Zehdenicker Kinder und der Name passt. Seine Wangen leuchten schön rot im Wind, doch mehr noch seine hellwachen Augen. Der Apfelmann schaut glücklich ins Land, denn er ist ganz bei sich selbst, und das kam so: Als die Schwiegereltern 1982 pflegebedürftig wurden, zogen Friedrun (62) und Jürgen Sinnecker (64), studierte Agrar- und Saatgutingenieure, von Trebatsch ins nördliche Brandenburg. Jürgen Sinnecker fand neue Arbeit bei der LPG, doch nach der Wende gab es hier kaum noch Jobs. So versuchte das Paar dort, an der Badinger Chaussee, auf einem Inselland inmitten weiter Felder, ein autarkes Leben zu entfalten. Dabei wuchs Sinneckers Liebe zur Deutschen Nationalfrucht spät.

2002 standen plötzlich Leute von der Ländlichen Erwachsenenbildung  vor der Hoftür, und fragten, ob er denn nicht an einem Projekt zur Rekultivierung der Granseer Streuobstwiesen mitwirken würde. De facto war Jürgen Sinnecker seit 1990 arbeitslos. Ab und zu hatte er mal eine ABM, mal eine Weiterbildung: „Das war alles gut und schön, aber eine wirkliche Arbeit war es nicht“, meint er heute. Aber bei dem Streuobstwiesenprojekt war es anders. Die Berührung mit den alten Apfelsorten fachte etwas in ihm an – die Leidenschaft, empirisch zu forschen.

Etwa zeitgleich tauchte ein ORB-Auto unangemeldet bei den Sinneckers auf. Man suchte schöne Motive zum Thema „Brandenburgs Streuobstwiesen“, und filmte die Blüte in seiner Gartenplantage.  Für Sommerbilder kamen die Filmer wieder, und zum Herbst war man auf der Landesgartenschau in Eberswalde zur Obstbestimmung verabredet. Jürgen Sinnecker hatte alte Apfelsorten dabei und wartete gemeinsam mit Dr. Schwärzel, dem Obstzüchterchef aus Müncheberg, auf die TV-Leute. Die waren mehr mit sich beschäftigt. Etwas genervt vertrieben sich die Wartenden mit  Verkostungen die Zeit. Da sah Jürgen Sinnecker fasziniert das erste Mal, wie man einen Apfel dafür auseinander nimmt: Stiel, Blüte, – das Wetter und Wachstum anhand der Schale erklärt. – Dieses Sehen war die letzte Initialzündung.

Seither sucht der Apfelmann nach alten, regionalen Sorten: Den Lunow, Hasenkopf, Rote Walze, Ochsennase, Gravensteiner, Signe Tillisch … und lernte sie mit der Zeit fachgerecht zu bestimmen. Er ist immer noch ein Lernender. „Manchmal müssen die Pomologen aus Verzweiflung auch mal schwindeln“, scherzt der Mann mit warmer, sinnlicher Stimme, über zuweilen ratlose Apfelbestimmung bei Ausstellungen. „Ich kenn’ mittlerweile das Sortiment von Oberhavel – etwa 120 Sorten Naschobst. Und doch erlebt man immer wieder, dass die Sorten durch das Wetter verfälscht sind. Dann erkennt man sie schwer, und genau da beginnt die hohe Schule der Sortenbestimmung. Dr. Schwärzel kann genau sagen, ob die Äpfel aus dem Süden Berlins stammen oder aus dem Norden.“ Dass können wir noch nicht, stellt Friedrun leise vom Kanapee aus klar. „Muss ja auch nicht“, murmelt der Mann nach.

2004 machte sich Jürgen Sinnecker selbständig. Als Ich-AG für Baumkartierungen. Die nannte er „Kleines Umweltbüro Zehdenick“. „Doch dass ging nach hinten los, weil ‚Hartz’ begann, und die ‚Hartzer’ konnten viel besser die Bäume begucken“, meint er ironisch. Aber zur Eröffnung seines Umweltbüros hatte der Mann eine private Apfelausstellung in Gransee inszeniert. Und die Leute strömten mit Körben voller Früchte. „Eigentlich wollte ich, dass die Leute ihre Äpfel in der Ausstellung selbst finden. Aber sie wollen den Expertenrat.“ Die Sinneckers haben aus alten Büchern gelernt und sich bei Frau Dr. Grittner aus Markwart die Merkmalsbestimmung abgeguckt.

Inzwischen lebt der Apfelmann von seinen Ausstellungen in Menz und anderswo, von Vorträgen für kindliche und erwachsene Interessenten, von Baumbestimmungen, vom Baumbeschneiden und Kursen. Gern verteilt er auch Ratschläge zur Pflege: „Ein Baum braucht auch mal eine Schippe Kompost. Im Herbst die Rinde mit einer Drahtbürste bearbeiten und mit einem Kalkanstrich versehen. Der bekämpft Schädlinge und verhindert das Reißen der Rinde bei extremen Temperaturschwankungen, auch einen zu zeitigen Austrieb der Blüte …“ Und wenn einer noch einen alten Baum wünscht, womöglich einen auf dem platzsparend gleich zwei Sorten wachsen, dann verschafft er sich ortskundig junge Ruten und trägt sie zur Baumschule Fischer nach Lichterfelde (die für das „Genressourcen-Projekt Streuobst“ wirken), um den neuen, alten Baum aufpfropfen zu lassen. Die Nachfrage nach alten Sorten wächst, denn Jungbäume aus den Gartencentern, kommen oft genug auf den sandigen Böden der Mark nicht gut zurecht. Gesucht werden neben der alten Vielfalt widerstandsfähige Bäume, die mit den regionalen Bedingungen klarkommen. Wo er sie findet? „Ich habe für die Naturparks der Uckermärker und der Stechliner Obstkartierungen vornehmen dürfen, da kennt man die Ecken und Orte.“                                            
Petra Elsner

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