Der Bücherstapel
Der Stapel Inselbücher war immer gleich hoch. Wer eines dieser feinen Bändchen begehrte, musste dafür ein anderes mitbringen und es auf den Stapel legen. Inselbücher wurden hier ausschließlich getauscht und nicht verkauft. Eleonore Finger achtete akribisch darauf, dass keiner mogelte. Ihr Buchantiquariat war nicht mehr als ein mit Büchern beladenes Wohnzimmer einer lichtlosen Parterrewohnung. Das Einzige, was hier leuchtete, waren die wachen Blicke der dürren Frau mit dem kleinen Dutt. Ihr dunkles Kostüm hatte die Strenge eines Korsetts, aber ihre Schritte führten sie federleicht um den großen Tisch mit den getürmten Bücherstapeln herum. Die Regale an den Wänden waren zwar sorgsam sortiert, jedoch bedenklich gefüllt. Alles, was tragen konnte, wurde zum Platzhalter: Klavierhocker, Trittleiter, Teetischchen… Es roch nach Staub und altem Papier. Eleonore Finger wirkte wie die Hüterin eines heiligen Grals, und das war er wohl auch: ihr Bücherschatz. Im Grunde war es gar nicht ihr Schatz, sondern die Sammlung des verstorbenen Mannes, einst Professor für Germanistik. Wer hier einkehrte, wusste das und genoss das stille Entdecken und das schweigsame Blättern der Seiten. Manchmal stellte sie ungebeten einem Studenten einen feinen Grünen Tee hin, wenn sie sah, dass er mit dem Wachbleiben kämpfte. Dann deutete sie ihm auf den einzigen Stuhl im Raum und verschwand ein Weilchen hinter dem weinroten Samtvorhang, der ihre Wohnküche verbarg.
An diesem Nachmittag durchbrachen zwei Reisende den Tanz der Stille. Die Beiden unterhielten sich raumgreifend, bis sie an den Tauschstapel kamen. „Inselbändchen, und so viele!“ Sie zählten ihre Barschaft und suchten nun nach Raritäten. Ganz aufgeregt kam der sammelnde Reisende mit einem Dutzend Bändchen auf Eleonore Finger zu und sie fragte ihn: „Haben Sie mir zwölf Inselbändchen mitgebracht?“ „Was meinen Sie?“ „Na, glauben Sie wirklich, der Stapel wäre noch vorhanden, wenn ich sie einfach verkaufen würde? Sie können alle anderen Bücher erwerben, diese werden getauscht.“
Sein Gesicht wurde blass vor Enttäuschung: „Ich bin doch nur auf der Durchreise.“ Sie nahm langsam die Bändchen aus seinen Händen und sprach ungerührt: „Nun, dann müssen Sie halt wiederkommen.“

Meine liebe Petra,
was für eine wunderbare Zeichnung; einfach perfekt und hinreißend.
Liebe Grüße
Deine Ines
Dankeschön, meine liebe Ines. Diese Cartoons, die ich den MINIATUREN beigestellt habe, sind schon etliche Jahre alt und gehören in meine Träume-Serie, aus der ein 1999 Kalender wurde. Abendgrüße, Deine Petra