MINIATUR (10)

Stadtengel

Man sieht sie an Brücken, auf Türmen oder Sockeln in Bronze gegossen. Erhaben und stark. Die Stadtengel aus Fleisch und Blut hingegen sind beinahe unsichtbar. Vielleicht entdeckt man einen in der blauen Stunde eines späten Tages, das aber ist selten. Robert war weder kampfstark wie Erzengel Michael noch so ein prächtiger Heiler wie Raphael. Er war nur ein leiser Bote des Herzensguten. Nicht zu verwechseln mit einem Gutmenschen. Er hatte dafür zu sorgen, dass das Herz gehört wird und echt klingt. Aber manchmal empfand der Engel seine Rolle zwischen verwahrlosten Stadtsteinen als uferlos. Dann trugen seine Flügel schwer an dieser Last, und so war es nicht verwunderlich, dass er zuweilen eine Kneipe aufsuchte, um sich die Schwere leicht zu trinken. Dabei murmelte er kaum hörbar ins Glas „diese Rolle ist zu schwer für mich“. Jemand hörte ihn doch. Sein massiger Leib nahm die Stimmung des Engels auf. George Meister kannte sich aus mit den energetischen Schwingungen der geistigen Welt. Er beruhigte Schauspieler in den Garderoben vor ihren Auftritten. Das konnte er wirklich gut. Er nahm seinen Rotweinschoppen und setzte sich zu dem Erschöpften. Dann malte er in seine Hand ein paar geheime Zeichen und hielt sie schwebend über Roberts Haupt. Dessen Haare stellten sich auf und vibrierten. Verwundert fragte er „Was machst du?“ „Ich gebe dir neue Kraft!“ Die Hand des Meisters begann zu zittern und er zog sie erstaunt zurück. Robert raunte: „Du wirst doch nicht einem göttlichen Boten mit deinem irdischen Hokuspokus kommen?“ Der Engel ratschte mit seinem Stuhl vom Tisch, sprang auf, schüttelte sich und es schien, dass er all die Schwere augenblicklich verlor. Es war seine innere Kraft, die aufleuchtete, um den Moment der Schwäche hinfort zu fegen. Dann schritt er hinaus in die blaue Stunde und verwebte sich mit dem Klang der Herzen auf alle Zeit.

2 Kommentare zu „MINIATUR (10)“

  1. Liebe Petra, es ist eine wunderschöne Geschichte und nicht nur das. Es ist einfach das Leben. Kraft schöpfen aus sich selbst, das ist das was wir versuchen müssen.
    Herzlichen Dank für diese Weisheit.
    Liebe Grüße Ronald , Karin und Holly

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