Morgenstunde (1136. Blog-Notat)

Rechts: Bärbel, links Petra (noch mit dunklem Haar)

Sonntagskaffee. Den ließen wir uns damals nie nehmen, selbst in der allergrößten Hatz. Es gab Redebedarf als 1990 meine damalige Zeuthener Freundin Bärbel nach ihrem einjährigen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz zurückkam. Ich hatte ihre Zimmerpflanzen am Leben gehalten, aber das Land, dass sie kannte, gab es nicht mehr. Und obgleich ich versuchte, ihr die Geschehnisse des Wendeherbstes und den Wandel danach in Briefen zu erklären, es gab Fragezeichen. Bärbel zog damals lebensklug ganz klare Schnitte: Sie steckte ihren Doktortitel für Philosophie in die Schublade und bewarb sich schlicht als Mitarbeiterin bei einem Landesamt. Sie hatte ihren Machiavelli (Der Fürst) verstanden und wusste, in ihrem Fach würde sie nach dem Systemwechsel nie wieder Fuß fassen. Ich hab das im Grunde erst jetzt begriffen, dass sie mit ihrem klaren Kalkül, die sichere Wahl getroffen hatte. Wahrscheinlich war es leichter, den Niedergang mit räumlichem Abstand zu betrachten, als sein Herzblut in den Wandel und die Wendeprojekte zu stecken. Als ich 1992 das Mietshaus auf dem Zeuthener Westgrundstück verließ und nach Berlin zog, versiegte unsere Freundschaft, wie so vieles in dieser Zeit. Die Lebensbündnisse hatten sich verloren. Dieses alte Foto erzählt noch, während wir längst schweigen.

Lesetipp: Wende-Strudel

2 Gedanken zu „Morgenstunde (1136. Blog-Notat)“

    1. Danke dir und ja, die Lebenswelten in diesem kleinen Land waren weitläufiger als gemeinhin geglaubt wird. Manchmal, wenn eine/einer erzählt, denke ich, aus einem anderen Land. Wir hatten „Spielwiesen“ und Abgründe…

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