Fortsetzung: Wallos seltsame Reise (7)

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

… Wallo graulte sich. Es war ein unwirklicher Ort, an den Nack ihn brachte. Ihr Weg führte durch einen Gullydeckel unter die Stadt. Dorthin, wo seit hundert Jahren ein Gewirr aus Rohren und ummauerten Gräben alle Abwässer leitet. Ein fahles Dämmerlicht fiel nur noch auf die beiden, die weiter, immer weiter durch giftgelbe, grün schäumende und blutrot brodelnde Rinnsale und Bäche platschten und wateten. Die Gewölbe waren flach wie Kerker, und Wallo kam nur krumm wie eine Bogenlampe voran. Dabei hielt er sich die tief hängende Gurkennase zu. „Hier stinkt es ja abscheulich. Einfach widerlich!“

Nack zuckte gelassen mit den Schultern und seine Bartglöckchen klirrten dazu: „Man gewöhnt sich an alles. Ich bin eigentlich eine Dachratte, aber die Menschen haben mich vertrieben. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit den Wanderratten einzulassen und bei ihnen unterzutauchen.“

„Ist es noch weit?“, wollte Wallo wissen. Das Wasser stand ihm bis zum Hemdbauch. Und bei jedem Hüpfer, den er vorwärts sprang, spritzte das stinkende Nass. Wallo ekelte sich gar fürchterlich.

„Nein, weit ist es nicht mehr, aber das letzte Stück müssen wir schwimmen“, war Nacks unerfreuliche Auskunft.

„Das ist doch nicht dein Ernst?“, donnerte nun Wallo aufgebracht. „Hätte ich vorher gewusst, was mir für ein schauriges Erlebnis bevorsteht, wäre ich nie und nimmer mitgekommen. Dagegen war es ja in der Mülltonne regelrecht gemütlich. Ich hab genug von diesem Unort, ich drehe um!“

Wallo machte kehrt, und Nack pfiff ihm beleidigt hinterher: „Hab dich nicht so zimperlich, du wasserscheuer Drache! Anders gelangen wir nicht in die Rattenburg. Davor ist ein Teil der Kanalisation zusammengebrochen und alles ist überschwemmt. Aber du wirst sehen, es lohnt sich. Gerade heute ist ein großer Wettkampf in der Rattenburg. Da treten die stärksten und mutigsten Kämpfer gegeneinander an. Der Sieger wird auf ein Jahr der Burgherr. Und ich bin einer der Favoriten. Das willst du dir entgehen lassen? Du kannst doch schwimmen – oder?“ Nacks letzten Worten hallten laut in dem modrigen Gewölbe.

Wallo drehte sich um, kam langsam auf den Ratterich zu und blubberte kleinlaut: „Ich hatte noch keine Gelegenheit.“

Nack lachte abermals sein kaltes Lachen: „Ha, so ein Gigant und von nix ’ne Ahnung.

„Kannst du fliegen?“, gab Wallo nun ärgerlich zurück.

„Nein, aber ungeheuer gut klettern“, verbarg Nack jenes Unvermögen.

„Ertappt, du kannst auch nicht alles! Also gib nicht so an!“, raunte Wallo.

„Ein Punkt für dich“, zählte Nack gönnerhaft.

„Und wie kommen wir nun weiter? Ich könnte versuchen, das Gebiet zu überfliegen. Es ist ein bisschen flach, aber es wird schon gehen. Aber dort hinten ragt das Gemäuer bis ins Wasser, müssen wir da etwa ganz untertauchen? Was machen wir?“, fragte Wallo.

Nack kratzte sich und dachte einen Moment nach. „Ich glaube, jetzt hab ich’s. Du kannst hüpfen und wie eine Raupe bedächtig am Boden krauchen.“

„Also, du redest von mir, als wäre ich eine Schnecke“, entrüstete sich Wallo beleidigt. „Ich kann blitzschnell durch die Lüfte preschen oder mich flach und schnell vorwärts schlängeln. Langsam bin ich nur, wenn ich etwas suche oder nur vorsichtig bin.“

„Nun, dann haben wir kein Problem“, fand Nack. „Schlängeln ist gut. Was an Land taugt, geht auch im Wasser. Schön kräftig und gleichmäßig durchziehen, du wirst sehen, es funktioniert. Probier es erst einmal hier im Flachen“, riet Nack.

Wallo legte sich flach auf das faulige Wasser. Es stank derart, dass er seinen Kopf unweigerlich hoch erhoben hielt wie eine Königskobra, und dann schlängelte er sehr schnell los: „Hohohohoho, es klappt, ich schwimme! Hihihihihoho. Und wie schnell. Guck mal! Hohohoho!“, freute sich Wallo und bremste rückwärts kommend so scharf, dass er eine kleine Bugwelle auslöste, die Nack mit dem Brecher ein Stück stromabwärts riss.

Nack pfiff dabei zombiehaft: „So ein Riesenschwachkopf, so ein Esel von Drache, so ein … Als er zurück war, hatte sich sein Zorn gelegt. „Du bist mir vielleicht einer. Erst kannst du was gar nicht und dann so gut, dass man das Grausen kriegt. Wenn wir jetzt losschwimmen, achte auf deine Bugwelle, okay?“

„Okay“, gab Wallo stolz zurück. Dennoch zog es Nack vor, hinter Wallo zu bleiben. Er wollte nicht abermals das keimige Wasser schlucken. Die ätzende Lorke war selbst für seinen Rattenmagen höchst unverträglich.

Alles ging gut bis zu der Tauchstelle. Als sich Wallo endlich überwunden hatte, den Kopf unterzutauchen, sah er, was sich darin tummelte. Schwimmkäfer, so groß wie Pantoffeln, allerlei Fadengewürm und Egel, so dick wie Autoreifen, tänzelten über den glitschigen Grund. An Wallos Bauch saßen inzwischen zwei kleine davon fest, saugten an seiner Krustenhaut und wuchsen dabei unglaublich rasch zu gewaltigen Ballons. Sie taten Wallo nicht weh, aber sie kitzelten ihn dabei so sehr, dass er pfeilschnell tauchte und weit vor Nack mit einem genervten Neiheiheihein-ohoh-Kitzelschrei aus einer großen Kloake auftauchte.

Der Schwarzwassersee war der Mittelpunkt der Rattenburg. Augenblicklich waren auf Wallo tausende von erschrockenen Rattenaugen gerichtet. Feindselig und bedrohlich starrten sie auf den ungewöhnlichen Eindringling…

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