Fortsetzung: Wallos seltsame Reise (3)

… Der Tag danach wollte für Ken nicht vergehen. Die Zeit kroch wie das Grau des Wolkenteppichs über der Stadt. Landregen verbreitete endlose Langeweile, ebenso Mathe-Schulz vorne an der Tafel. Ken hörte den Lehrer nicht einmal mehr. Der Junge guckte blaue Löcher hinaus in das schlechte Wetter und ärgerte sich stumm. „Ein Gang durch die Stadt würde heute Wallo bestimmt nicht gefallen. Bei Regen sieht man keine Gesichter. Alle sind abgetaucht unter Schirmen, Kapuzen oder wenigstens hochgeschlagenen Kragen und tragen die Köpfe eingezogenen. So kann man nicht viel entdecken. Und das ist natürlich auch kein Tag für eine Begegnung mit den faustschnellen Typen im Kiez.“

In Kens Gedanken wuchs Wallo zu einer unschlagbaren Kraft. Er hatte sie nur noch nicht probiert, und deswegen wusste er bloß nichts von ihr. In einer Gefahrensituation würde Wallo sie schon einsetzen – bestimmt. „Es kann ja auch gar nicht sein“, dachte sich der Junge, „dass einer, der einen Baum innerlich bewegt, ohne Zauber sein soll.“ Ken war ohne Zweifel und fühlte sich gut und sicher mit seiner Annahme, als ihn was aus seinen Gedanken riss: „Keeeenn! Eine Reihe bitte!“, forderte ihn der Lehrer auf.

„Em, wieeee bitte?“, stammelte der Träumer.

„Du hattest jetzt lange genug Pause. Das ist dein Part. Alsoooo: 5 mal 7, mal 20, minus 17, mal 3, plus 48, dividiert durch 5, minus 2, multipliziert mit 8 …“ Der Lehrer setzte die Kette noch eine Weile fort, Ken zog die Stirn kraus. Er hasste solcherart Stundenabschlüsse und wusste, was ihm nun blühen würde. Bis Ken begriff, dass er kopfrechnen sollte, hatte der alte Zahlenreiter schon losgelegt, es war sinnlos, den Faden zu suchen. Ken mimte ein Rechengesicht, bis er die letzten Worte des Lehrers vernahm: „… dividiert durch 8 ist?“ Mathe-Schulz wartete zwei, drei Sekunden und wiederholte dieses „ist“ schärfer. Ken fixierte die Zimmerdecke und erwartete das Unvermeidliche und schon kam es: „Danke! Sechs. Setzen!“

Ken plumpste abgeurteilt in seine Bank, da klingelte es zum Schulschluss. Der Junge saß noch einen Moment und ärgerte sich. Er hätte es wissen müssen, denn es ist eine Marotte vom alten Mathe-Schulz, den Stillsten der Stunde mit einer Reihe zu belohnen. Jetzt bückte sich der Mann mit dem Rotstift über das Klassenbuch und quittierte Kens Nichtleistung. Dann raffte er seine Hefte und schlurfte, den Jungen nicht beachtend, hinaus in den Flur, wo das Schulschlussgejohle langsam verebbte.

Ken trödelte mit gebührlichem Abstand hinterher. Eigentlich mochte er seine Schule, nur diesen Geruch nach Bohnerwachs, Staub und Schweiß ganz und gar nicht. Er wollte schneller gehen, damit seine Nase in den Wind kam. Aber dann hätte er den gebeugten Mann überholen und sich noch einmal seinem enttäuschten Blick aussetzen müssen. Das vermied er, denn so was setzte Ken mehr zu als eine Schelle vom Vater.

***

Kens Tag lief bis dahin nicht sonderlich gut. Jetzt hatte er nur noch den Wunsch, schnell bei Wallo zu sein. Er fegte in unglaublichem Tempo über das nasse Pflaster. Vor der Höhle angekommen, tropfte ihm der Regen aus den braunen Haaren. Wallo wartete bereits.

„Du triefst ja vor Nässe“, begrüßte Wallo Ken mitfühlend. Ihm war auch gleich ziemlich feucht zumute. Er kringelte sich um den Freund, als wollte er ihn wärmen. Während der Junge verschnaufte, Schuhe und Socken abstreifte und letztere auswrang und zum Trocknen an der Höhlenwand aufhängte, sprach Wallo unternehmungslustig auf ihn ein:

„Ich hab es mir überlegt und glaube nun schon, dass ich den Baum auf kurze Zeit verlassen kann. Auf einen kleinen Gang durch die Straßen. Was meinst du, ob wir nachher noch losgehen können?“

„Es ist ungemütlich heute da draußen. Aber wenn du keine Angst vor einem Schnupfen hast, dann gehen wir einfach los“, antwortete Ken. Er staunte über Wallos schnellen Entschluss.

„Gut, aber was ist Schnupfen?“, wollte Wallo wissen.

„Etwas Widerliches. Erst drückt einem der Kopf, die Augen werden dick, und dann läuft einem ständig die Nase. Man muss sie andauernd kräftig ausschnauben und der Zinken wird davon ganz unförmig und wund“, erläuterte Ken und benieste anschließend seine Erklärung. „Ja, und damit fängt so was an, man muss niesen.“

Wallo schaute Ken mitleidig an und fragte unsicher: „Du bekommst jetzt so einen Schnupfen, können wir trotzdem gehen? Ich bin nämlich sehr erwartungsvoll und glaube auch kaum, dass ich so ein Nasenzeugs kriege.“

„In Ordnung“, raffte sich Ken auf und zog seine klammen Socken wieder an. „Vielleicht ist das heute gar nicht so schlecht. Die Leute laufen bei Regenwetter fast mit geschlossenen Augen, da brauchst du keine Angst zu haben, dass dich jemand entdeckt und nervös wird.“

Gesagt, getan. Die zwei krochen aus ihrem Versteck ins Freie. Wallo blinzelte gegen das Licht und den Nieselregen. Endlich sah Ken seinen Freund in voller Pracht. Wallo, der grüne Lichtschweif, maß mindestens zehn Meter. Da er dicht über dem Boden schwebte, wirkte er zunächst wie ein wiesengrüner Nebelfetzen. Nur das Glimmen seiner Augen darin war etwas ungewöhnlich. Die zwei schlenderten wortlos hinüber zum verlassenen Spielplatz. Ken wollte Wallo in seinen neuen Empfindungen nicht stören. Der durchstöberte alles, was er sah. Seine Gurkennase grub zuerst eine Furche in das regennasse Gras. Wallo fand dabei Wildblumen, die hatten es ihm angetan. Während er weiter seinen Korridor durch die Wiese rüsselte, verfing sich seine Nase in einer herumliegenden Colabüchse. Mit der jonglierte Wallo so ähnlich, wie es dressierte Robben mit Bällen tun. Ken kicherte. Wallo fand einen Papierkorb, lugte hinein, schüttelte sich und warf die rot-weiße Büchse da rein. Schließlich gelangten die beiden zu den Spielgeräten. Gleich einer grünen Wasserwelle plätscherte Wallo über die Kinderrutsche, dann wirbelte er mit der Schaukel durch die Luft, wobei seine Gestalt mal vorne, mal hinten heftig ausbeulte. Ganz ausgelassen preschte Wallo daraufhin zum Karussell, wo er nicht etwa nur einen Platz besetzte, sondern sich in seiner ganzen Länge zum Platz nehmenden Kreis formte. Ken schob das Karussell an und Wallo juchzte.

Wallos Regentanz. Zeichnung: Petra Elsner
Wallos Regentanz.
Zeichnung: Petra Elsner

Es muss ein langes Kribbeln in dem sehr langen Bauch entstanden sein. Und so lang war auch sein Juchzen. Für einen Moment rissen die Wolken auf und ein Sonnenstrahl traf Wallo. Das Licht brach sich in zigtausend Regentropfen, die an dem kreisenden Nebelschweif hafteten. Wallo leuchtete augenblicklich zu einer wundersamen Regenbogenkette auf und war von seinem Glanz selbst bezaubert und sehr glücklich. So schön war er noch nie. Er blickte dankbar auf den Jungen, der ihn immer noch mit kräftigen Stößen drehte.

Auch Ken war fasziniert von diesem Anblick und konnte sich gar nicht satt sehen an Wallo. Inzwischen zogen sich die Wolken wieder zusammen und das kleine Wunder war vorbei. Wallo taumelte vor Freude durch den Park, es dämmerte bereits und Ken nieste immer öfter. Wallo spürte, dass es für heute genug sein musste. Indem Ken einen heißen Kopf bekam, wurde auch Wallo ganz matt und er schlug vor: „Lass uns jetzt zurückkehren. Ich fühle, dir geht es nicht gut, und ich bin auch schon ganz wässrig.“

Ken war einverstanden. Er begleitete Wallo zum Höhleneingang und verabschiedete sich mit einen müden „Bis morgen.“

Aber daraus sollte nichts werden. Ken packte ein heftiges Fieber, das ihn zwang, eine Woche lang im Bett zu bleiben. Es waren glutheiße Sommertage. Die Stadt staubte und ächzte vor Trockenheit. Wallo wartete in der schützenden Höhle besorgt auf den kleinen Freund …

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