WENDE-STRUDEL (2)

O-Töne aus 1991:

Fassade in der Kleinen Rosenthaler Straße. Foto: Petra Elsner
Fassade in der Kleinen Rosenthaler Straße.
Foto: Petra Elsner

Stell’ Dir vor, es hat Dich aus Deinem Land getrieben, so wie Tausende auf dem Balkan, im Nahen Osten oder sonst wo in dieser wirren Welt. Du gehst aus irgend gearteten Zwängen ohne Wiederkehr. Dort, wo Du hingerätst, musst Du Dich zurechtfinden lernen, Sprache und Umgang, Gesetze und Gepflogenheiten, jeden Tag ein bisschen mehr. Und es gibt Niederlagen, weil man so rasant nicht alles zugleich in sich aufnehmen kann. Aber es wird.

Ja, ich weiß, Du hast Deine Koffer nicht gepackt, bist hier geblieben und doch in ein anderes, unbekanntes Land gezogen, fremd geworden auf vertrautem Terrain. Kaum ein Tag, der Dich nicht verletzt, denn plötzlich bist Du zugehörig einer Minderheit, mit der man umgeht wie mit jeder Minderheit: schroff und ablehnend. Der Ostdeutsche, der einfach gelebt hat in dem Zwischen-Land seiner Geburt, das man jetzt den Unrechtsstaat nennt, nervt und verunsichert den Altländler. Doch sie werden nicht nur ihr Gesicht verlieren, wenn sie Dich noch lange zum Zweit-Klasse-Deutschen stempeln, per Gesetz und aus schlechter Gewohnheit. Steck’ nicht auf. Bei diesem Langstreckenlauf vergiss nicht, wie wir lebten, und dass wir jenen die Erfahrung einer anderen Gesellschaft und deren Niedergang voraus haben. Lass Dir Deine Erinnerungen nicht verschrecken, anzweifeln, austauschen, auch wenn der Rucksack „DDR“ schwer wiegt. Was darin steckt, macht Deinen Ursprung aus.

Ich rede nicht von Nostalgie, dem Gift, das Dir das Leben lähmt.

Sicher, es wird auch Heimweh geben, wie es die Auswanderer spüren, und Frust. Aber wenn Du nicht aufbrichst in die Jetztzeit, in der Du Deine Vergangenheit ehrlich bedenkst, wiewohl verarbeitest, wuchert sie in Dir und wird dort zum krankhaften Schattengewächs.

Jeder hat seine einzigartige Geschichte und andere Empfindungen zu seiner gelebten Zeit, vielleicht gibt es deshalb so viele Wahrheiten. Hört sie Euch an. Es wäre ja möglich, dass wir Deutschen füreinander einen Spürsinn entwickeln – mit der Zeit.

(pe) März 1991

 

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