Wenn mich in den letzten Jahren eine politische Rede wirklich angestoßen hat, dann war es die von Kanadas Premier Carney vorgestern in Davos. Inmitten weltpolitischer Tollheiten benennt er klar den Bruch der Weltenordnung und zeigt auf, wie die Mittelmächte darauf reagieren können. Er meint, dass „Konformität keine Sicherheit bringt“ und verdeutlicht das Phänomen, indem er Václav Havel zitiert. Der schrieb 1978 „einen Aufsatz mit dem Titel ‚Die Macht der Machtlosen‘. Darin stellte er eine einfache Frage: Wie konnte sich das kommunistische System aufrechterhalten?
Seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler. Jeden Morgen hängt dieser Ladenbesitzer ein Schild in sein Fenster: ‚Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!‘ Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er hängt das Schild trotzdem auf – um Ärger zu vermeiden, um Konformität zu signalisieren, um sich anzupassen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, bleibt das System bestehen.
Nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Havel nannte dies ‚Leben in einer Lüge‘. Die Macht des Systems beruht nicht auf seiner Wahrheit, sondern auf der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr. Und seine Fragilität hat denselben Ursprung: Wenn auch nur eine Person aufhört, so zu tun – wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt –, beginnt die Illusion zu bröckeln. Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder abnehmen…“
Ich will und kann nicht alles aus dieser Rede, die ein Zukunftsmodell bereithält, hier besprechen, aber dieser Verweis auf Havel erzählt etwas, was wir Ostdeutschen gut kennen und wir wissen auch, wie es ausging.
Ach, ich hätte mir gewünscht, unser Redner hätte die Tragweite Carneys Vision erkannt … Die ganze Rede findet Ihr hier
