„Bier oder Wasser“, fragte Ronja, während sie das Netz vom Imkerhut anhob und ihn absetze. „Bier“, antwortete Hannes und schmunzelte verlegen, denn er hatte gerade ein Bild vor Augen – sie hantierend mit seinen Beinen. Es war ihm irgendwie peinlich, dass sie ihn so hingerafft gesehen hatte. Ronja bemerkte das, als sie mit zwei Flaschen zurückkam. Gelassen bot sie ihm einen Platz auf der Gartenbank an und sprach blinzelnd in die Sonne: „Muss dir nicht unangenehm sein, es war einfach nötig. Du hattest über 40 Fieber, da zögert man nicht lange. Der Mensch ist da wie Honig: bei 41 Grad ist er tot.“
„Ich wollte mich heute bei dir bedanken. Die Hühnersuppe war ein Gedicht!“ „Na, gerne,“ sie zwinkerte ihm zu: „Prost, auf das Leben!“
„Prost, auf das Leben! Und wir, was machen wir damit? Wie alle Wesen kreisen wir zwischen Licht und Schatten. Unaufhörlich. Wir Menschen zünden nachts die Lichter an, als könnten wir der Rotation des Planeten ein Schnippchen schlagen. Zu viel Licht lässt Arten aussterben und uns schlechter schlafen.“
„Ja, ich weiß, aber du kannst doch nicht ernsthaft den Städtern das Nachtlicht ausknipsen wollen?“
„Na, wollen würde ich schon, aber was würde daraus werden? Mord und Totschlag. Nein, nein, es geht um die Reduzierung von Lichtemissionen. Nur ein bisschen dimmen. Irgendwann wird es Beleuchtungsregeln geben, die die Lichtverschmutzungen minimieren werden.“
„Schon wieder neue Regeln,“ murrte Ronja. „Muss das sein? Kann man nicht anders herangehen und beispielsweise über die ‚Schönheit des sanften Lichts‘ sprechen? Was verströmten seinerzeit die alten Gaslaternen für eine wundervolle Romantik, und dann kamen die eiskalten Neonröhren und LED. Ich glaube, über unsere Sinne und Ästhetik lässt sich so ein Thema viel näher an die Menschen herantragen.“
„Interessanter Ansatz“, meinte Hannes. Sein Seitenblick umspielte gerade die Frau, die so lebensklug sprach. Ruhig und wohltemperiert. Er fühlte sich wohl neben ihr.
„Ich finde, der Staat darf nicht alles regeln wollen. Die Leute müssen auf eigene Gefahr leben und nicht immer gleich nach Vater Staat rufen, wenn ein Ast vom Straßenbaum gefallen ist. Mir scheint, durch die Coronazeit haben viele ihre eigene Verantwortung vergessen. Und weil das Geschnaufe und Gebrüll immer lauter wird, würde ich versuchen, da drinnen“, Ronja tippte mit ihrem Zeigefinger auf sein Herz und lächelte ihn dabei mit ihren funkelnden Augen an, „etwas zum Klingen zu bringen. Verlust von Schönheit spüren alle, aber man kann sie wiederfinden und pflegen. Schönheit zu erhalten macht Arbeit, verlangt nach Zeit.“
„Und Liebe“, flüsterte Hannes. Sie sahen einander an. Eine gefühlte Ewigkeit, in der sie sich ungeschützt zeigten und wortlos sprachen – ich bin‘s für dich. Das spürend, schmiegten sie sich aneinander und liebten sich, bis die Nacht über sie fiel.
Hannes stieg bei Kerzenlicht aus dem Bett und gab ihr frech lächelnd einen Handkuss: „Ich muss los, meine Schöne. Oskar wird sich schon sorgen.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Ja, er wartet jeden Abend und fürchtet, ich würde ihn irgendwann verlassen.“
„Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“
„Nein. Es ist ein Versprechen, dass ich ihm gab, als unsere Mutter starb. Ein Versprechen gegen die schwankende Zeit, die Ungewissheiten. Ich bin sein Ankerpunkt, verstehst du?“ „Irgendwie schon.“
Hannes zog sich an, lief die Treppe hinunter, griff sich das Rad und nahm im Mondlicht den Weg durch die Felder. Ronja sah ihm aus dem Giebelfenster nach und dachte beklommen, das kann ja heiter werden.
Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht. Da tritt ein Mann ins Leben und schon geht wieder alles durcheinander. Sie hatte ihren Rhythmus gefunden, sich verortet, Ruhe geschaffen und Stil. Und jetzt gerät wieder alles durcheinander, nur wegen dem bisschen Sex. Mit Hannes und Oskar am Frühstückstisch? Sie wälzte sich in den Kissen. Was will ich? Sie verstand, dass Hannes das Band seiner Familie, das Kümmern, auch um jene, die verachtet oder zurückgelassen sind, nicht durchschneiden wird. Sozialer Kitt, den er lebt. An dem darf ich nicht kratzen. Frauen kommen und gehen, der Bruder bleibt. Als das Morgenrot aufstieg, zog sie sich an und lief hinaus zum Seenblick. Und wie sie dort stand, fest und entschlossen, sprach sie leise in die klare Luft: „Wir lassen alles, wie es ist.“
Aber es war anders. Sie hatten ihre Herzen berührt. Ihre Frage nach Oskar ließ Hannes jedoch wegbleiben. Seitdem sprach Ronja Kiekebusch mit dem toten Vater. Wie eine immerwährende Unterhaltung, die sie aufnahm, wenn sie in das leere Haus trat. „Es ist wieder geschehen, Papa. Kaum, dass ich mich geöffnet habe, begann schon sein Rückzug.“ Sie sprach diese Worte wie ein schmerzhaftes Gemurmel gegen das Alleinsein, gegen ihre Sehnsucht. Als sie Berlin verließ, hatte sie Monate gebraucht, um die letzte Liebe aus ihrem Fleisch zu vertreiben. Erst allmählich kam sie mit dem Single-Leben zurecht. Die geflüsterten Worte mit dem imaginären Vater kamen einer Selbstreinigung gleich.
Hannes ließ sich wochenlang nicht blicken, und sie ging nicht zu ihm.
Inzwischen war sie mit ihren Bienenstöcken in einen Akaziengrund gewandert. Solche Umzüge waren schwerste Nachtarbeit, nach der sie zumindest gut schlafen konnte. Die Nächte, diese schlimmen Nächte, in denen sie jeder Stern an ihn erinnerte. Sie litt – und weil sie das schlecht aushalten konnte, arbeitete sie intensiv und uferlos. Der Rapshonig war längst in Gläsern und an einen Berliner Bio-Markt verkauft. Für das Land hielt sie nur so viel zurück, was sie von ihrem Hof aus verkaufen konnte. Seit Mai kamen alle paar Tage vorbei und fragten nach der neuen Ernte. Es waren Vaters Kunden, die sie übernommen hatte, und er schwebte gewissermaßen durch diese kleinen Verkostungen und Verkäufe. „Hm, genauso köstlich wie bei Ihrem Herrn Vater. Wunderbar, ich nehme vier Gläser.“ Ronja liebte diese Momente, nicht nur wegen der Einnahmen. Ein Lob geschenkt zu bekommen – gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen sind wie Treibsand und Stimmen aus der Ferne. Geronnene Zeit fließt weiter durch Berührung, in eine andere Form. Das Bild ändert sich. „Wissen Sie, Frau Kiekebusch, Ihr Vater hat meinem Sohn das Leben gerettet. Dort unten an der Badestelle. Der Junge hatte einen Krampf bekommen und wäre glatt ertrunken, wenn Ihr Vater ihn nicht rausgeholt hätte.“ Ronja staunte, das wusste sie nicht. „Das muss wohl in meinen Berliner Jahren geschehen sein. Er hat es mir nicht erzählt.“
„Ach, na ja, der Herr Kiekebusch war immer so bescheiden. Der hat nicht viel Aufsehen darum gemacht. Ein anderer hätte sich als Lebensretter in der Zeitung groß feiern lassen. Das war nicht sein Ding,“ wusste die alte Landfrau. So brachte fast jeder Kunde eine Handvoll Neuigkeiten mit.
Er verließ das alte Fachwerkhaus und trat in die Dunkelheit. „Bringst du mal wieder Honig mit?“, rief ihm Oskar hinterher, bevor die Tür ins Schloss fiel. Er bekam keine Antwort. Hannes wollte nur ein paar Schritte zur Entspannung laufen, da triggerte ihn dieses Wort „Honig“. Der Mann lief trotzig durch das Dorf, ohne aufzuschauen, wollte nicht gesehen oder gar angesprochen werden. Das verstand jeder, der den Gebeugten sah. Körpersprache ist in den Dörfern immer noch ein Signal. Ein paar Schritte hinter dem Ortsrand hatte ihn die Dunkelheit verschluckt. Wenig später stellten seine Augen auf Nachtsicht, so konnte er stolperfrei Schritte setzen. Die Natur liebt die Schwärze. In der grau-schwarzen Moorsenke sah der Wanderer Glühwürmchen tanzten. Hannes blickte zum Nachthimmel – Orion, Großer Wagen, Kleiner Wagen, Polarstern… eben Sommerhimmel, der war langweilig. Für Sterngucker ist der Winter die spannendste Zeit. Sternschnuppenzeit. Ronjas Frage hämmerte in seinem Kopf: „Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“ Wie konnte sie nur. War das unbedachtes Gerede oder schon leise Besitzergreifung? Hannes war empfindlich geworden, denn alle Beziehungen waren an der Nähe zu seinem Bruder gescheitert. Oskar nervte, verletzte, pöbelte, platzte in Situationen ohne jegliche Distanz. Erst jetzt, nach dem Rauswurf bei seiner Freundin, legte sich das alles ganz langsam. Mit 30. Auch, weil Oskar verlässlich spürte: der große Bruder ist sein sicherer Anker, ganz gleich, was geschah. Er hatte ihn nach Schlägereien von der Wache geholt. Wenn er zu ausgiebig mit Glatzen rumhing, fuhr er mit ihm Zelten an die Ostsee oder schleppte ihn auf große Konzerte. Raus aus der dumpfen Ecke. Hannes zeigte ihm immer wieder, dass das Leben schön sein kann. Vielleicht bin ich altmodisch, dachte Hannes, während er durch die Finsternis lief, aber wenn die Gesellschaft auseinanderbröselt, dann muss Familie zusammenhalten. Dafür hatte er ungestillte Bedürfnisse tief in sich vergraben, immer wieder aufs Neue. Das Innere sagte ihm aber auch: dieses ständige Vergraben ist nicht gut.
Wie er so durch die Nacht stapfte, stand er irgendwann vor Ronjas Haus. Nicht bewusst, seine Füße lenkten ihn dorthin. Das Haus lag im Dunkel. Still und ohne Nachtlicht, nur die Grillen zirpten, und in den Feldern raschelte es. Hannes ging weiter bis zur Anhöhe bei den Eulenbergen. Dort kam ihm eine Gestalt entgegen: „Ronja? Was macht du denn hier?“
Sie lief auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Aus der Tiefe der Nacht schöpfen.“
Sie gingen zum Aussichtspunkt und lehnten, während sie nach den Lichtern am Horizont schauten, mit den Armen auf der Brüstung aus Holzstämmen. Sie fragte ohne ihn anzusehen: „Warum hast du unseren Kontakt abgebrochen?“
Er starrte ebenso in die Ferne und erwiderte tonlos: „Du hast die falsche Frage gestellt.“
„Echt jetzt? Das war der Grund? Deswegen hast du mich nicht in dein Leben gelassen? Einfach gecancelt, wie es gerade in Mode zu sein scheint, wenn‘s mal nicht absolut stimmig ist. Das habe ich nicht erwartet!“ Sie dachte an ihr elendes Befinden in den Wochen nach seinem Abgang und bekam große nasse Augen, aber er sah das nicht, sondern starrte geradeaus. Ronja wandte sich ab und ging wortlos davon, während seine Augen weiter im Dunkel verharrten.
Oskar klingelte. Es war regnerisch, da würde Ronja nicht irgendwo bei ihren Bienen sein. Er zog noch einmal an seinem Zigarettenstummel, dann quetschte er die Glut mit Daumen und Zeigefinger aus, bevor er die Kippe wie Dreck wegwarf. Ronja öffnete die Haustür: „Morgen. Komm rein! Was treibt dich her?“ „Ich möchte ein Glas Honig. Genau solchen wie beim letzten Mal, der war lecker.“
„Oh, da muss ich dich enttäuschen, der war noch aus dem vorigen Jahr. Jetzt habe ich nur Neuen.“ Oskar stand unschlüssig mit ihr im Flur, bis sie ihn erlöste: Na, willst du nicht einfach probieren und sehen, welcher dir zusagt? Ich habe augenblicklich drei Sorten, aber es kommen bis August noch weitere Nuancen hinzu.“
Oskar folgte ihr in die Küche, und sie stellte ihm drei Probiergläser, Teelöffel, einen kleinen Teller und ein Glas Wasser vor die Nase. Sie schraubte die Gläser auf: „Bitte für jedes Glas einen neuen Löffel nehmen. Der Weiße hier ist Rapshonig.“ Oskar nahm sich eine Löffelspitze. „Schön cremig, aber sehr süß.“ Er nahm einen Schluck Wasser, legte den klebrigen Löffel auf den Teller, griff sich einen neuen und fuhr damit in das nächste Glas. „Der ist ja wie flüssiges Gold.“ Er kostete und urteilte: „Mild und im Abgang bisschen kräftig.“
„Ja, das ist Robinienhonig, und der hier kommt aus den Gärten und den Streuobstwiesen.“ „Hm, wunderbar cremig, nicht ganz so süß, und er leuchtet wie Perlmutt. Toll, den nehme ich. Der kommt dem anderen am nächsten.“
„Gut. Weißt du, die Honige sind jedes Jahr geschmacklich ein Müh anders. Das ist wie mit allem anderen auch. Gurken und Tomaten schmecken ja auch nicht jedes Jahr gleich. Wenn zum Beispiel Anfang Juni nochmal Frost kommt und in die Robinienblüten fällt, dann holen sich die Bienen eine andere Tracht hinzu und so kommt es zu den Nuancen.“
„Verstehe. Ich nehme zwei Gläser mit und komme zum Sommerschluss wieder, um die anderen Sorten auch zu probieren, wenn ich darf.“ „Aber gerne doch.“
Oskar fand seinen Honigeinkauf spannend. So hatte er noch nie eingekauft, er spürte aber auch, dass Ronja sehr vorsichtig mit ihm umgegangen war und kein Wort über Hannes verlor. Sein Bauchgefühl sagte ihm, es sei besser, nicht daran zu rühren…
