Wagnis (2 – der Schluss)

Öffentliches Schreiben an einer Kurzgeschichte:

… Erst zwanzig Jahre später kam Klara Heidenreich wieder in die Kleine Hamburger. Sie machte Fotos von Berlins Mitte, die den Wandel zwischen Schrott und Stein einfingen. Graugepellte bröckelnde Fassaden überall, aber das letzte Haus hinten rechts leuchtete in abenteuerlichen Cobaltblau. Knallbunten Grafits darauf signalisierten – hier wohnen alternative Künstler. Wieder schlug Klaras Herz wie wild. Sie war jetzt 39 Jahre alt. Eine späte Schöne. Ihr Sohn jobbte weit weg  in der Schweiz. Die Wende in Ostdeutschland hatte keinen Stein auf dem anderen in ihrem Leben hinterlassen. Nichts hatte mehr Bestand, außer der Liebe zu ihrem erwachsenen Kind. Selbst ihr Fernstudium, dass sie erst im Wende-Herbst abgeschlossen hatte, war wenige Monate später wertlos geworden. Arbeit gab es auf lange Zeit nicht. Ein ungewollter Freiraum entstand, der ein neues Wagnis hervorzauberte: Nach all den verpflichtenden Jahren legte die Frau in dieser Zeit die alte Verantwortung ab. Als sie vor das Blaue Haus in der engen Straße trat, ahnte sie, wohin ihr fliegendes Herz sie führen würde. Vom Dunkel ins Licht. Das Blaue Band der Freiheit konnte sie nur selbst fliegen lassen.

© Petra Elsner
31. Juli 2019

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2 Antworten zu Wagnis (2 – der Schluss)

  1. Sonja sagt:

    Wunderbar fabuliert. Fabuliert?
    Besonders gefällt mir der ungewollt entstandene Freiraum, obwohl es für davon Betroffene im ersten Moment nix Gutes verheißt. Doch dann…

  2. Petra Elsner sagt:

    Danke, liebe Sonja. Ja, diesen “ungewollten Freiraum” gillt es eben erst einmal zu erkennen in all dem Schlamassel …:).

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