Morgenstunde (1135. Blog-Notat)

Wenn mich in den letzten Jahren eine politische Rede wirklich angestoßen hat, dann war es die von Kanadas Premier Carney vorgestern in Davos. Inmitten weltpolitischer Tollheiten benennt er klar den Bruch der Weltenordnung und zeigt auf, wie die Mittelmächte darauf reagieren können. Er meint, dass „Konformität keine Sicherheit bringt“ und verdeutlicht das Phänomen, indem er Václav Havel zitiert. Der schrieb 1978 „einen Aufsatz mit dem Titel ‚Die Macht der Machtlosen‘. Darin stellte er eine einfache Frage: Wie konnte sich das kommunistische System aufrechterhalten?

Seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler. Jeden Morgen hängt dieser Ladenbesitzer ein Schild in sein Fenster: ‚Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!‘ Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er hängt das Schild trotzdem auf – um Ärger zu vermeiden, um Konformität zu signalisieren, um sich anzupassen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, bleibt das System bestehen.

Nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Havel nannte dies ‚Leben in einer Lüge‘. Die Macht des Systems beruht nicht auf seiner Wahrheit, sondern auf der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr. Und seine Fragilität hat denselben Ursprung: Wenn auch nur eine Person aufhört, so zu tun – wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt –, beginnt die Illusion zu bröckeln. Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder abnehmen…“

Ich will und kann nicht alles aus dieser Rede, die ein Zukunftsmodell bereithält, hier besprechen, aber dieser Verweis auf Havel erzählt etwas, was wir Ostdeutschen gut kennen und wir wissen auch, wie es ausging.
Ach, ich hätte mir gewünscht, unser Redner hätte die Tragweite Carneys Vision erkannt … Die ganze Rede findet Ihr hier

6 Gedanken zu „Morgenstunde (1135. Blog-Notat)“

  1. Ein ganz toller Beitrag zur aktuellen Lage der eigentlich aufrütteln, Augen sowie auch Geist dafür öffnen sollte, weshalb es überhaupt so kommen konnte wie es kam und leider noch immer ist…
    Liebe Grüße und Danke!

  2. Ich fand die Rede auch sehr interessant. doch traue ich dem Redner auch nicht mehr über den Weg als anderen Politikern, die schöne Reden halten. Ihm ging es ja vor allem darum, sich von Trumps USA zu distanzieren und aufzuzeigen, dass es auch außerhalb der großen Mächte Wege gibt. Das war ein Konzept, das Olof Palme. als sich „Kapitalismus-Kommunismus“ extrem gegenüberstanden, den „Dritten Weg“ nannte. Er scheiterte, Olof Palme wurde ermordet. Nun frage ich mich, was Carney inhaltlich im Sinn hat. Ich sehe eigentlich nur ein Festhalten am Konzept des sog. „Wertewestens“, von dem sich Trump losgesagt hat. Aber das System,. das er vertritt, ist ja kein anderes als das des liberalen Kapitalismus, mit allen seinen Auswüchsen, Unterdrückungsmechanismen und Kriegen,das wir bereits kennen. Oder?

    1. Liebe Gerda,
      da hast Du natürlich recht, dass er keine neue Gesellschaftsidee im Ärmel hat, aber er ruft zum Aufwachen auf, realistisch wahrzunehmen, was ist, und nicht gebetsmühlenartig die immer gleichen erstarrten, nicht wirksamen Regeln herunter zu beten. Das ist das Erweckende in dieser Rede und natürlich die Vorschläge zu neuen Bündnissen. Das Transatlantische als eine gewisse Staatsräson wird der hiesigen Politik nicht weiterhelfen… Sei umarmt

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