Milchmond (30)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Ach, Sigmund Freud lässt grüßen!“ nörgelte Henry, als Jan Uhlig die alte Sage über die Theke erzählte.
„Wie jetzt, was hat denn der alte Seelenforscher mit unserer Wolfs-Legende zu schaffen“, fragte Jan irritiert.
„Nix, der Wolfsmann war nur sein berühmtester Fall. Der dreht sich um so einen russischen Psycho, der unter einem  Angstraum mit zwei weißen Wölfe litt. Und bei uns im Wald haben die Ahnen, als es noch Wolfsland war, eben diese Legende erfunden. Sie verrät etwas von der ländlichen Urangst. Die lebt immer auf, wenn Wölfe im Revier sind. Angst ist eben ein guter Treibstoff für die Fantasie.“
„Aber die Polizei, spricht auch von einem Wolfsmann.“
„Ja, und meint einfach einen gewalttätigen Irren“, blubberte Henry. „Komm, schenk‘ mir noch einen ein, es ist so traurig, dass es Laura erwischt hat. Ich kann’s nicht fassen. Die Schöne hätte echt noch ein gutes Stück Leben verdient, ein Jammer.“
Im Nebenraum feierte die Jugend-Runde am Billardtisch einen gut geglückten Stoß. Dörte hatte mit den Nagel-Brüdern die Skatrunde beendet, drehte den Radiorecorder lauter und schob sich dann hüftschwingend zum Tresen: „Noch eine Lage bitte, für die alten Herren und mich.“
Der Mittvierziger am Tresen lästerte leise: „Und welchen von den alten Säcken schleppst Du heut‘ noch ab?“
„Ich dachte da, eher an Dich“, antwortete sie ein wenig lasziv. Er wusste, dass sie meinte, was sie sagte und grinste anzüglich.
Julie und Kai Fischer saßen am Beobachtertisch bei den trinkenden Zwillingen, den zwei Schwestern vom Waldrand und dem Anton, der sich lieber an die Häppchen hielt. Irgendwann zog Anton eines der späten Waldmädchen aufs Parkett und tanzte seinen perfekten Foxtrott. Kaum später war die Tanzfläche rappelvoll.
Kai fragte unsicher Julie: „Willst du vielleicht auch?
Sie zuckte mit den Schultern, atmete tief durch und antwortete: „Warum nicht.“
Die Nähe machte sie geschmeidig. Sie plauderten nicht belanglos, sie wiegten sich in der Musik und taten einander ganz offensichtlich gut.
Im Krug war eine seltsame Stimmung in dieser Nacht entstanden – ein bedecktes Gemurmel, dass nur zur vorgerückten Stunde anhob, als wollte die Heilige Nacht ein fröhliches Finale haben…

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (22)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu der Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Nachmittags im Dorfkrug. Anna und Bernd Uhlig sahen Julie beim Löffeln der Täubchensuppe zu. Die stand nicht auf der Karte, Anna verteilte diese feine Suppe ausschließlich an geliebte Kranke im Dorf und Julie war geliebt und krank vor Kummer. Ihre Hausärztin fand das auch und hatte sie mit einem Krankenschein versorgt. Morgen würde sie die Formalien für die Beerdigung anpacken, allein der Gedanke daran, legte ihr Steine auf die Schultern. Die junge Frau schwieg und weil der Wirt die betretene Stille nicht aushielt, erzählte er, was da neulich geschehen war oder besser gesagt, was er davon noch wusste: „Sie haben mir alle Jagdwaffen abgenommen.“ Julie blickte stirnrunzelnd auf und der Wirt murmelte leise, fast unverständlich weiter: „Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren war, dass ich besoffen mit der Flinte in den Wald ging. Tresen-Koller oder erstes Delirium, keine Ahnung. Ich weiß nur noch, dass der Förster-Franz am Vorabend von einem weißen Hirsch erzählt hat, den er zwischen Schluft und Kappe gesehen hatte.“
Anna schüttelte ihren Kopf: „Du weißt doch, dass man einen Weißen nicht jagen darf. Der Göttliche steht dem Tode nahe.“
Uhlig nickte: „Er soll etwa da aufgetaucht sein, wo man Laura fand.“
Julie sah auf und sprach dunkel: „Immer, wenn es keine Klarheit gibt, munkelt das Dorf alte Legenden. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll, aber sag mal Bernd, kennst Du die Legende vom Milchmond?“
Der einschlägig belesene Wirt kratzte seinen kahlen Kopf: „Hm, ja, doch, da gab es eine, die man sich erzählte, als der Wolf in der Schorfheide noch zugange war. Es muss vor 1850 gewesen sein, denn aus dieser Zeit stammen die letzten Hinweise auf ein Wolfsrudel in der Region. Die Legende vom Milchmond erzählt von einem weißen Wolf, keinem arktischen Wolf, sondern ein mystisches Mondwesen, das seine Braut meuchelt. Wahrheit oder Legende, die Dinge verweben sich manchmal. Es war die Zeit, als ein Zirkus über Land zog, der menschlichen Kuriositäten zur Schau stellte. Darunter auch einen vollkommen behaarten Menschen, den sie Wolfsmann nannten.  Das las ich im Tagebuch meiner Urgroßmutter. Sie hat beinahe alles aufgeschrieben, was man ihr am Tresen erzählt hatte. Ob die Leute aus solch‘ bizarren Anblicken eine Mär machten, oder ob es wirklich damals einen speziellen Mord in der Heide gab, der diese Geschichte hinterließ – ist mir nicht bekannt.“ Uhrigs Augen leuchteten, denn bei solchen Histörchen war er ganz in seinem Element. Auch er hatte unterm Tresen ein Notizbuch, indem er Kneipengeschichten niederschrieb, die er mit schelmischen Blick gelegentlich leise vortrug. Nur für spezielle Freunde, nie in großer Runde.
Draußen hupte Dörte Sandig. Sie hatte das Licht in der Wirtschaft gesehen, stoppte ihren Jeep, parkte ein und stiefelte über den Kopfsteinpflasterdamm. „Teestunde?“, pustete sie als sie den Raum betrat. „Nee, Märchenstunde“, antwortete Anna.
„Worum geht’s?“
„Um die Legende vom Milchmond.“
„Ach herrje, meint Ihr eine alte Sage bringt Licht ins Dunkel? Dann doch wohl eher echte Spuren und ein Wolf war, soweit ich weiß, nicht dabei“, kommentierte Dörte den seltsamen Denkansatz. Sie hockte sich zu Julie, nahm sie in den Arm und fragte flüsternd: „Was machst Du eigentlich da draußen alleine auf der Bank in der Winternacht?“
„Nichts, rauchen und Sterne gucken.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (20)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu der Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Ermittler hatten die schlimme Nachricht erst am Abend Julie Acker überbracht. Die OP-Schwester konnte tagsüber telefonisch nicht erreicht werden. Wegen des Sturms war der ganze Operationsplan dicht zusammengerückt. Die Pausen waren kurz und unbestimmt, so entschloss man sich, auf ihre Heimkehr zu warten. Nun hocken sie in der Hofküche. Das Surren des Kühlschranks verstärkte die große Sprachlosigkeit, die nach der Todesnachricht plötzlich unter dieses Dach gezogen war. Die Botschaft war Bestätigung, irgendwie hatte Julie den Verlust seit Tagen gespürt, nur das Wie, konnte und wollte sie nicht erahnen. Alles geriet an diesem Abend aus den Fugen. Die Mutter dement, der Vater verschollen, die Schwester tot. Diese Lebensbrüche schnitten ihr Kerben ins Herz.  Wie sollte sie das alles ertragen, den Verlust und die Einsamkeit? Julie konnte die Tränen nicht mehr halten. Die Zeit dehnte sich, irgendwann fragte die erschütterte Frau schluchzend: „Wer hat sie gefunden?“
„Ein Feuerwehrmann, Otto Ehrenburg“, antwortete Franziska Korn.
„Oh, wie bitter, gerade er.“, murmelte Julie.
„Wieso, was ist mit ihm?“
„Wegen Otto hat Laura Sandberg verlassen. Sie hatten ein Techtel, aber Ehrenburg entschied sich, in seiner Ehe zu bleiben. Zuletzt kam Laura nur noch ungern nach Sandberg, aber wir hatten ja gemeinsam unsere Mutter zu pflegen.“ Julies Augen versanken beim Sprechen wieder in Tränen. Die Korn blinzelte ihrem Kollegen zu, was soviel bedeutete: Komm, Rückzug. Sie verließen das Trauerhaus. Für heute war es genug, sie wollten nur noch die Akte zum Holzdiebstahl aus der Nacht vom 24. zum 25. November einsehen. Offenbar gab es zwischen diesem Mord und dem Holzdiebstahl einen Zusammenhang, und man musste nach dem grünen Opel des Opfers suchen. Die Auskunft der Wiese-Zwillinge im Dorfkrug ließ vermuten, dass es der Täter war, der über die Döllner Chaussee mit diesem Auto davon fuhr.

Als die Dorflaternen zur Nacht abgeschaltet waren, schlürften die Schattengestalten wieder zu ihrer Moosbank. Der Kleine raunte: „Endlich haben sie die unterm Laub gefunden. Da wird die Legende vom Milchmond wieder Nahrung bekommen, wir müssen sie ihr erzählen.“ Der große Schatten nickte.
Eine Welle schwerer Gedanken überflutete Julie.  Was um Himmels Willen war nur in dieser Nacht auf der Waldstraße geschehen? Wer oder was hatte das Auto zum Stehen gebracht? Und weshalb hatte Laura den Wagen verlassen? An Schlaf war für Julie nicht zu denken. Sie öffnete die Tischschublade und griff nach den Pausenzigaretten ihrer Schwester. Sie nahm sich eine, zündete sie an, zog an ihr und hustete. Vor drei Jahren hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt, jetzt aber glaubte sie, die Dinger wieder zu brauchen. Sie trat ins Freie, sog wieder an der Zigarette und lief ein paar Schritte. Als sie aufblickte, sah sie die Nachtschatten winken. Allein die Vorstellung, dass die Beiden auf sie gewartet hatten, wärmte ihr leidendes Herz. Die Frau hockte sich still auf die Bank und die andere, hinter der Gardine, trat kopfschüttelnd zurück in Dunkel. Sie sah nur wie die junge Nachbarin mutterseelenallein auf der Bank saß – was für ein seltsamer Anblick.
Julie hörte indes schweigend den Moosgestalten zu und rauchte. Nun ächzte der große Schatten: „Es ist schon fast vergessen, aber vorzeiten erzählten sich die Frauen in der Schorfheide diese Legende: Wenn es im Winter einen großen Milchmond gibt, holt sich der weiße Wolfsmann eine Braut, begehrt sie eine Nacht lang und versenkt sie Morgengrauen im Reich der Toten. Fortan erscheint sie als weiße Frau immer wenn es wieder einen Milchmond gibt und geistert durch die Nacht.“
„Herrje, müsst ihr mir auch noch Schauergeschichten erzählen“, stöhnte Julie. Sie stand ruckartig auf und verließ die Schatten. Aber natürlich würde sie noch den Wirt vom Krug nach dieser alten Sage fragen – morgen oder übermorgen…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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