Das Nebeltor (6)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:
… Flora war erleichtert, weil sich ihr die Tropfenelfen nicht entzogen, sondern sich selbst nur schützen wollten: „Ihr könnt euch auf mich verlassen, ich werde mich vorsehen und euch nicht schaden.“ Das Sirren und Flirren um Flora wurde lauter, denn all die winzigen Flügelwesen begannen sich nun um sie zu versammeln. Es war ein Tanzen und Schweben filigranster Art. Flora wurde beim Anblick der Zierlichen das Herz warm. Dann wurde es leise und das Mädchen verstand, dass die Stille eine Aufforderung zum Sprechen war: „Mein Name ist Flora. Die Nebelfee hat mich gebeten, die Quelle des Elixiers der Freude zu suchen, damit sie in allen Welten wieder aufleben kann. Könnt ihr mir den Weg zu dieser magischen Quelle weisen oder wisst ihr jemanden, der das kann?“
Nach Floras Worten wurde es noch stiller, als es bereits war. Kein Laut war vernehmbar. Die Elfchen schwiegen und sahen einander mit großen Augen an. In diesen Blicken stand eine große Frage und Flora spürte, dass sie alle überlegten, ob sie ihr vertrauen könnten. Flora wartete geduldig, denn sie wusste, dass das so eine Sache mit dem Vertrauen war. Sie hatte bereits selbst den Verrat einer scheinbaren Freundin erfahren. Im Schmerz darüber riet ihr die Großmutter: Wer sein Herz auf der Zunge trägt, ist leichte Beute für den Neid. Achte darauf, wem du dein Vertrauen schenkst. Ist es der Falsche, können sich üble Nachrede und eine gnadenlose Hatz über dich ergießen. Daran dachte Flora jetzt. Nach einer Weile flüsterte sie in das Grübeln der Elfen: „Ich werde es niemandem verraten, denn ich möchte doch selbst, dass die Freude für immer zurückkehrt in die Welt.“ Dann schwieg sie wieder, bis endlich aus dem Kreis der Tautropfenelfen ein Wasserkobold hervortrat und sehr ernst sprach:
„Wir kennen den Ort der Quelle nicht, aber wir leihen dir unsere Unzerbrechliche, nur sie allein kann dich auf rechten Weg bringen. Sie ist das geronnene allwissende Wasser, fest wie ein Stein, aber leicht wie der Wind und immer feucht. Du muss sie uns wiederbringen, wenn du deine Mission erfüllt hast. Willst du uns das fest versprechen?“
Flora nickte eifrig, nahm den lichten Tropfen entgegen und sprach ergriffen: „Ich danke euch für euer geschenktes Vertrauen. Ich werde die Unzerbrechliche gut behüten und euch nicht enttäuschen.“ Die Elfchen klatschten und kicherten lebensfroh, währenddessen versank das blaue Land hinter dem Vorhang einer dichten Nebelwand.
Welche Richtung sollte sie einschlagen? Flora drehte und wendete die Unzerbrechliche in ihren Händen. Zuerst sah sie in eine klare Sternennacht über einem schwarzen Wasser im Mondschein. Dort saß am dunklen Ufer eine leuchtende Gestalt, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Das Mädchen drehte und kippte die Unzerbrechliche sacht, als wollte es das Bild scharf stellen. Dabei entdeckte es auf dem nachtblauen Grund ein silbergraues Wasserzeichen, das eine Karte enthielt. Flora war erleichtert, hatte sie doch nun einen Weg vor Augen, den sie gehen wollte…

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Das Nebeltor (5)

…Sie lief durch den Nebel. Waren es Minuten oder Stunden? Sie konnte das nicht sagen, nur, dass sich plötzlich der Dunst wandelte. Es war ihr so, als fühlte er sich plötzlich stofflich an, wie schwebende Seidentücher, die sich dort, wo sie hinlangte, öffneten. Hinter jedem weiteren Fließ wurde es heller, bis der letzte Vorhang endlich einen blauen Ort freigab, in dem wirklich alles tropfte. Tausende schillernder Tauperlen brachen das Licht und funkelten wie Edelsteine. Einer schöner als der andere. Das Glitzern schien zu kichern als Flora vorsichtig nähertrat. Sie dachte bei sich, hier zwinkert das Lachen. Und es stimmte, was die Nebelfee sagte: „Sie spiegeln alle Wege.“ Das Mädchen konnte in den Tröpfchen Lichtpfade entdecken: erdige, moosgrüne, silbergraue, schneeweiße, türkisblaue, sogar orangene. Einige zeigte Berggrate, andere Wiesenpfade, wieder andere verwiesen auf Hohlwege
oder auf Landzungen zwischen stahlblauen Seen. Wohin jedoch diese Wege führen würden, war nicht offensichtlich.
Es war schwül in dieser blauen Tropfenwelt, wie in einem Tropenhaus, das ein leiser Singsang durchzog. Nun sah Flora, dass sich einige dieser Tauperlen bewegten, sie flogen flink wie Libellen. Von diesen winzigen Flügelwesen kam das verhaltene Kichern. Ah, dachte Flora, da sind sie ja, die Tautropfenelfen. Sie bestanden lediglich aus einem blau-grünen Tropfen mit glasklaren Flügeln. Kleine Kugelwesen mit Gesicht und glasigen Fühlern – einer Kopfspirale und zwei hängenden Fädchen, die wie Spinnenbeinchen wirkten. Flora musste unwillkürlich lächeln über das Zartsein dieser Kreaturen. Immer wenn sie auf eine dieser Tautropfenelfen zuging, zogen sie sich alle unsichtbar in das Tropfenheer zurück. Dazu ließen sie einfach ihre Flügel hängen und schon waren sie nicht mehr erkennbar.
Das Mädchen hockte sich ins blaue Gras und seufzte: „Ich tu’ euch doch nichts.
Ich suche nur euren Rat.“ Da hörte sie ein gemeinschaftliches Säuseln:
„Wir fürchten dich nicht, aber wir müssen vorsichtig sein. Schon die kleinste Berührung lässt uns zerfließen und vergehen, das musst du beachten, wenn du uns begegnest.“…

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