Kochkünstler (15)

Ein Koch kommt selten allein. Jedenfalls in Berlin. Wo einer ist, taucht bald der nächste auf – divenhaft, denn Köche sind Künstler. In unserer Kneipe waren es seinerzeit plötzlich vier. Seither sind paradiesische Verhältnisse im Szene-Klüngel ausgebrochen. Kulinarisch gesehen. Aber Kultstatus hatte nur einer:
Mein Kochfreund Andreas war einst widerwillig Sohn eines berühmten Philosophen, dann Bibliothekar, aus Opposition Waldarbeiter, Krankenpfleger, Koch, Kneiper, Aussteiger und Lebemann. Heute streut der eher unfreiwillige Privatier lukullische Geschenke wie Perlen unters Volk und sammelt dabei Seelen. Schöne, traurige, schwache, manchmal auch reiche. Wenn der Kurze, Runde im Kiez auftaucht, ist sein Fanclub nicht weit. Vier, fünf allein stehende späte Mädchen. Andi steht und bleibt allein und hat doch alles, was Mann braucht. Seit ein paar Jahren ist er aus den Profiküchen verbannt. Der Kochstress und das viel zu gute Leben haben ihm fünf Bypässe und zwei Herzinfarkte beschert. Trotzdem kann der Mann das exzessive Nachtleben nicht lassen. Zu schön sind die Auftritte bei Kerzenlicht, die nett servierten Histörchen, die glänzenden Augen der Zuhörerinnen. Mit jedem Kuba Libre versprüht der Fastfünfziger Charme vom Feinsten. Anders, wenn er kocht. Dann kann er schon einmal ein wenig altväterlich wirken. Einmal hantierte er für ein Fest in unserer Küche und bat dazu um Handwerkszeug. Genervt prustete er: „Das nennst du ein Messer?“ Dem köchlichen Entsetzen folgte der mild-nachsichtige Spruch: „Weißt du, wenn du einmal 50 Euro übrig hast, gehen wir ein ordentliches Messer kaufen. Dann hast du ‘was fürs Leben.“ Zwei Jahre lang habe ich mir den Spruch immer wieder angehört. Jetzt haben wir ein „Messer fürs Leben“, und Andreas bekehrt indes den nächsten Kiezbewohner vom „Kaisermesser“ zur „Profischneide.“
Berühmt ist Andreas nicht nur für seine herzhaften Salate. Die aber haben es mir besonders angetan. Nie aß ich bisher einen Mohrrübensalat, der nussig-kräftig-herb und nicht schlabberig-rübensüß schmeckt: Ein absolutes Salat-Highlight, das ich einfach nicht mehr missen wollte. Da man aber bei dem launigen Köchlein nie weiß, wann sein letztes tollkühnes Stündlein schlägt, musste ich einfach das Rezept erfragen (in der Hoffnung, dass seine Freunde es lange noch nicht „Andis Gedächtnissalat“ nennen müssen!):

Andis Mohrrübensalat:
Mohrrüben in Essigwasser so lange kochen, bis sie gerade noch Biss haben. In streichholzstarke Längsstreifen schneiden, die anschließend in etwa 4 cm lange Stücken. Salzen, pfeffern, viel (unbedingt) glatte Petersilie, gehackter Knoblauch, halbe Wallnüsse und Öl. (Rassig herb!)

Und es gibt noch einen bemerkenswerten:

Andis Linsensalat:
Teller-Linsen in blankem Wasser aldente kochen. Abkühlen lassen, Zwiebeln, Schluppen, glatte Petersilie, marinierten Paprika samt Flüssigkeit, Pfeffer grob, Zucker, Kräuter der Provence, Knoblauch mit Salz verstampft, Mandeln, Nüsse, Balsamico und Olivenöl. (Rustikal und preiswert!)

Kochkünstler Zeichnung: Petra Elsner
Kochkünstler
Zeichnung:
Petra Elsner

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, hangebundenes, limitiertes Künstlerbuch.

PS: Leider ist Andreas inzwischen wirklich verstorben.

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Der Klassiker (10)

In der Volksmedizin gilt Apfelessig seit jeher als ein Gesundheitselixier. Ich erinnere mich jedoch ungern an den eigenwilligen, altweiberhaften Duft, den er verströmte. Großmutter benutzte ihn statt Seife, als tägliches Getränk, als Einreibung und auch zum Putzen im Haushalt. Als ich eines Tages vorsichtig etwas gegen den muffelnden Geruch im Raume sagte, meinte sie nur rigoros: „Je älter man wird, desto mehr Kalium braucht der Mensch. Und Kalium steckt im Apfelessig. Außerdem ist er ein Schlankmacher und wirkt gegen Verkalkung. Was machst du, wenn im Teekessel, die Kalkablagerungen zu dick werden? Du löst sie mit Essig auf …“ Dass das bei Gelenken auch funktionieren würde, war ihre Hoffnung.
Großmutter schwor auf den Essig aus der Paradiesfrucht und auf einen gewissen Dr. Jarvis (1881-1945). Der Arzt hatte die Volksmedizin in Vermont erkundet und seine Erfahrungen in einer Broschüre uneigennützig notiert, um das Wissen seines Volkes zu bewahren. Das grüne Bändchen steckt jetzt in Großmutters Mappe und wartet darauf, dass ich irgendwann meinen gehetzten Körper renovieren will. Geht es nach diesem Arzt, kann man im Grunde fast alles mit Honig und Apfelessig kurieren: Vom Fußpilz bis zur einer bestimmten Schwangerschaftslosigkeit, von Verdauungssorgen bis zum traurigen Gemüt. „Sauer macht lustig“, das ist sprichwörtlich bekannt. Doch im Grunde geht es schlicht um die Chemie im Körper. Als Heilmittel rät Jarvis Essig aus ganzen, zerdrückten Früchten zu benutzen, weil der neben Kalium auch Phosphor, Chlor, Natrium, Magnesium, Schwefel, Eisen, Flur, Silizium u. a. Spuren von Mineralien enthält. Der in Supermärkten vorrätige ist allerdings meist nur aus Schalen und Kerngehäusen bereitet und somit wesentlich ärmer.

Apfel konserviert Zeichnung von Petra Elsner
Apfel konserviert
Zeichnung von Petra Elsner

Heute erlebt der Apfelessig ein echtes Comeback. Doch wenn man ihn ausprobiert, sollte man sich nicht von profitsüchtigen Pillendrehern verführen lassen. Lesen Sie zuvor lieber die schlichten Empfehlungen von Dr. Jarvis „Honig und andere Naturprodukte“ nach. Das ist unverfänglicher und billiger. Und schaden tut der Essiggenuss in den vorgeschlagenen Dosen (meist 2 Teelöffel auf ein Glas Wasser, dreimal täglich zum Essen) auch nicht.
Wer aber meint, bei unverändert stressigem Leben, ungesunder Kost und Genussmittelmissbrauch im Apfelessig die Wunderwaffe gegen den Verschleiß gefunden zu haben, der irrt. Ein derartiges Elixier gibt es (leider) nicht.

Linkempfehlung: Einen spannenden Artikel über kaliumreiche Lebensmittel von Michaela Hinkel findet ihr hier

„Grüße vom andern Stern“
(naturfeuilletonistische Kolumne Nr. 9 ) ist bereits hier veröffentlicht.

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, hangebundenes, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters “Die Mappe meines Urgroßvaters” – Frauen haben eben auch Geheimnisse. Und bei mir war es an der Zeit, nach den guten Dingen in meinem Leben zu suchen. Ich fand sie in den Ferienzeiten bei meiner Großmutter in der Oberlausitz …

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Duftwolken

Wer ein Stück Land kultiviert, ist für Freunde mit ebensolchen Ambitionen meist den ganzen Sommer über verloren. Wir fehlen einfach dauerhaft bei Gittas Sommerfesten und all den anderen auch. Den Freundinnen bleibt sommerwärts nur die Kontaktpflege via FB oder Mail und dabei das Klagen über die Plagen: die Stechlinge zum Beispiel. In den einschlägigen Regalen werden – allein ob der zu erwartenden Mücken-Invasion – die diversen Abwehrlotionen und -sprays knapp. Aber wie soll man sich nur ohne das Zeugs der lästigen Viecher erwehren?
Meine Freundin Gitta meint: „Ignorieren und gegen das Jucken der Stiche ein Vereisungsspray einsetzen.“ Letzteres scheint mir eine geniale Idee, aber dass mit dem Ignorieren kommt für eine Wuselfrau wie mich überhaupt nicht in Frage. So eine bricht in puren Aktionismus aus. Und wenn sich nichts finden lässt, dann kramt man das Großmutterwissen wieder hervor.

Salbeiblätter räuchern Zeichnung: Petra Elsner
Salbeiblätter räuchern
Zeichnung: Petra Elsner

Da war doch etwas mit „Salbei räuchern”. Diese Prozedur vertreibt auch die Mücken. Wirklich? Ich habe es getestet. Und wirklich, die meisten Mücken hielten vor dem Räucherduft Abstand. Bis auf ein paar Verwegene, die es wohl immer gibt. Ja, Salbei räuchern. Wer will kann sich natürlich auch hier in Unkosten stürzen, und eine Räucherschale oder -stövchen, dazugehörige Räucherkohletabletten und getrockneten Salbei kaufen. Aber es geht auch schlichter: Man nehme einfach eine Blechbüchse (eine etwa 10 cm hohe), fülle sie mit etwas trockenem Sand, darauf kommt ein Stück glühende Grillkohle oder ein Teelicht. Auf der Büchse platziert man ein Stück enges Maschendrahtgeflecht oder ein Metallsieb, als Träger für die frischen oder getrockneten Salbeiblätter.
In Kürze entfaltet sich nun ein angenehmer Räucherduft, der anders als bei Duftkerzen, nicht Kopfschmerzen als unliebsame Nebenwirkung produziert. Und wenn alles nicht hilft, ist über dem Tun und Machen wenigstens die schlimmste Mückenzeit verstrichen…

© Petra Elsner

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Der Infektanflugtee

Gewöhnlich verharren ja Zugbekanntschaften auf ratternden Rädern. Sie entwickeln sich kurzweilig in bestimmten Zeitfenstern – beim Pendeln zwischen A und B  – auf Stammplätzen beim Morgen- oder Abendkaffee aus Pappbechern, als seltsames Eigenleben, dass das eigentliche Leben nur streift. Eher selten wächst so eine Reisebekanntschaft hinüber in den Rest des Tages. Wenn, dann handelt es sich schon um einen besonderen Menschen, wie beispielsweise meine kleine Freundin Doktor P.
Irgendwann stieg die samaritersanfte Spätblondine in den Vorortzug setzte sich mir gegenüber und plauderte sofort drauf los, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Am Morgen des folgenden Heiligen Abends war Doktor P. eilig unterwegs, um die Weihnachtsgeschenke für ihre vier Kinder aus den diversen Freundesquartieren einzusammeln. Keine Zeit für einen schnellen Kaffee, nur Päckchen greifen und schnell wieder weiter. Doch trotz der Hatz, P. kommt nie und nirgendwo mit leeren Händen. Mir fällt da unter anderem eine sehr komische, aber meine Verspannungen lösende Blitzakupunktur zwischen zwei Haltepunkten ein, oder die natürlich kostenfreie Diätberatung eines einst kugelrunden Radiomachers im Zug. Wer Doktor P. begegnet, erntet immer Überlebenstipps.
Heilig Abend also steckte sie mir eine kleine Tüte Kräutertee mit der Bemerkung zu: „Das ist ein Infektanflugtee. Trinken bei den ersten Anzeichen – eine Tasse – mehr nicht am Tag. Wenn die Nase schon richtig läuft, ist es zu spät dafür.“ Sagt es und wirbelte davon.
Kaum zwei Tage später spürten mein Liebster und ich jene unschönen Zeichen, ergo kochte ich diesen unglaublichen Tee, und siehe da: Der Infekt verzog sich ohne auszubrechen. Daraufhin bat ich neugierig die Spenderin um das Rezept, auch um es nun dem interessierten Kolumnen-Leser weiter zu reichen, denn die Infektzeit hat gerade wieder begonnen:
Man nehme je 30 Gramm Königskerzenblüten, Lindenblüten, isländisches Moos und Schafgarbe (beziehbar über Apotheken), mische die Kräuter und fülle sie in eine luftdichte Büchse. Dort sollte sie auf besagte Vorkommnisse warten, sprich: Mischung vorrätig haben, um eben gleich den hilfreichen Trunk anzurichten, eine Teelöffel auf eine Tasse, 10 Minuten ziehen lassen. Dieser Tee hilft gut durch die infektreiche Jahreszeit.
© Petra Elsner

Teetasse, gezeichnet von Petra Elsner
Teetasse,
gezeichnet von Petra Elsner

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