Schiepelfutter (7)

Auf der nächsten Hanglage hinter Großmutters Häuschen lag der Herkner-Hof. Dort wohnte Ulrike, meine Ferienfreundin. Uli war nicht gerade mit Schönheit geschlagen. Ihr langer Unterkiefer und ihre gigantischen Zähne erinnerten irgendwie an Fernandel, den großen französischen Schauspieler. Aber sie war eine liebenswerte Frohnatur und wild wie ein Junge. Uli hatte immer zu tun: Schafe umpflocken, Kühe auf und von der Weide treiben, Grünfutter schneiden, Ställe ausmisten. Aber oft hockten wir auch einfach bei den blökenden Schafen, kauten Sauerampfer und schauten den Wolken nach. Um die Zeit wieder einzuholen, half ich ihr anschließend beim Löwenzahn– und Brennnesselschneiden, dem alltäglichen Futter für die Küken und die Karnickel. In den Frühlingsferien erntete ich auch für Großmutters Gesundheitsküche von beidem. Der „Spinat“ aus den vitaminreichen Nesseln war zwar nicht mein Fall, aber der etwas herbe Löwenzahnsalat. Den machte sie aus jungen Blättern, bevor die Pflanzen blüten und Pusteblumen trieben. Damals ließ ja die Versorgung der Bevölkerung mit frischem Gemüse viele Wünsche offen, deshalb war Großmutters Löwenzahnsalat nicht nur schmackhaft, sondern ein wichtiger Vitaminspender nach dem Winter. Uli schüttelte immer nur den Kopf und spöttelte ungläubig: „Esst ihr wieder Schiepelfutter?“
Großmutter nannte den Löwenzahn ein „Allerweltsmittel“. Und wirklich, er ist blutreinigend, harntreibend, verdauungsfördernd, magenstärkend, regt Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse und das gesamte Drüsensystem an. Löwenzahn kann sogar bei leichter Zuckerkrankheit helfen und wirkt aufbauend bei allgemeinen Schwächezuständen. Daher ist er einfach als Frühjahrskur prädestiniert. Seine blutbildende Wirkung unterstützt übrigens auch eine Behandlung von Blutarmut.

Schiepel Zeichnung von Petra Elsner
Schiepel
Zeichnung von Petra Elsner

Tee aus älteren großen Brennnesselblättern erneuert auch das Blut, wirkt ebenfalls bei Wasser in den Beinen harntreibend. Das Brennen der Nesselhaare soll nach dem Volksglauben auch alle möglichen Gelenkentzündungen eindämmen.
Na, da versetzt vielleicht auch der Glaube Berge. Doch Brennnesselaufgüsse helfen durchaus bei Lungenverschleimungen. Und der Saft von den Blättern und Wurzeln, gemischt mit Honig, kann sowohl Bronchitis als auch Asthma lindern. Für diesen Fall den Tee abgekühlt trinken.

Großmutters Löwenzahnsalat
Frische Blätter einige Zeit wässern, abgießen, nachspülen. Blattwerk in kleine Teile schneiden, salzen und pfeffern, Zucker und den Saft einer Zitrone hinzugeben, nach Bedarf Küchenkräuter und Öl.

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, limitiertes Künstlerbuch.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters “Die Mappe meines Urgroßvaters” – Frauen haben eben auch Geheimnisse. Und bei mir war es an der Zeit, nach den guten Dingen in meinem Leben zu suchen. Ich fand sie in den Ferienzeiten bei meiner Großmutter in der Oberlausitz …

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