Der Infektanflugtee

Gewöhnlich verharren ja Zugbekanntschaften auf ratternden Rädern. Sie entwickeln sich kurzweilig in bestimmten Zeitfenstern – beim Pendeln zwischen A und B  – auf Stammplätzen beim Morgen- oder Abendkaffee aus Pappbechern, als seltsames Eigenleben, dass das eigentliche Leben nur streift. Eher selten wächst so eine Reisebekanntschaft hinüber in den Rest des Tages. Wenn, dann handelt es sich schon um einen besonderen Menschen, wie beispielsweise meine kleine Freundin Doktor P.
Irgendwann stieg die samaritersanfte Spätblondine in den Vorortzug setzte sich mir gegenüber und plauderte sofort drauf los, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Am Morgen des folgenden Heiligen Abends war Doktor P. eilig unterwegs, um die Weihnachtsgeschenke für ihre vier Kinder aus den diversen Freundesquartieren einzusammeln. Keine Zeit für einen schnellen Kaffee, nur Päckchen greifen und schnell wieder weiter. Doch trotz der Hatz, P. kommt nie und nirgendwo mit leeren Händen. Mir fällt da unter anderem eine sehr komische, aber meine Verspannungen lösende Blitzakupunktur zwischen zwei Haltepunkten ein, oder die natürlich kostenfreie Diätberatung eines einst kugelrunden Radiomachers im Zug. Wer Doktor P. begegnet, erntet immer Überlebenstipps.
Heilig Abend also steckte sie mir eine kleine Tüte Kräutertee mit der Bemerkung zu: „Das ist ein Infektanflugtee. Trinken bei den ersten Anzeichen – eine Tasse – mehr nicht am Tag. Wenn die Nase schon richtig läuft, ist es zu spät dafür.“ Sagt es und wirbelte davon.
Kaum zwei Tage später spürten mein Liebster und ich jene unschönen Zeichen, ergo kochte ich diesen unglaublichen Tee, und siehe da: Der Infekt verzog sich ohne auszubrechen. Daraufhin bat ich neugierig die Spenderin um das Rezept, auch um es nun dem interessierten Kolumnen-Leser weiter zu reichen, denn die Infektzeit hat gerade wieder begonnen:
Man nehme je 30 Gramm Königskerzenblüten, Lindenblüten, isländisches Moos und Schafgarbe (beziehbar über Apotheken), mische die Kräuter und fülle sie in eine luftdichte Büchse. Dort sollte sie auf besagte Vorkommnisse warten, sprich: Mischung vorrätig haben, um eben gleich den hilfreichen Trunk anzurichten, eine Teelöffel auf eine Tasse, 10 Minuten ziehen lassen. Dieser Tee hilft gut durch die infektreiche Jahreszeit.
© Petra Elsner

Teetasse, gezeichnet von Petra Elsner
Teetasse,
gezeichnet von Petra Elsner

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