Sagenhafter Barnim (26)

Die Klingelmarie. Zeichnung: Petra Elsner
Die Klingelmarie. Zeichnung: Petra Elsner

Der Wilddieb und die Klingelmarie:

In jenem eingeschneiten Schorfheidedorf hinter den Rabenbergen gähnte an diesem Januartag Konrads Speisekammer vor Leere. Nur Blaubeer-Mus gab es noch darin, aber keinen Speck und kein Korn. Im Winter wohnte der Hunger in den meisten Katen. Aus dieser Not heraus, wurden viele zu Holzdieben oder Wilderern, auch Konrad. Er hatte es lange hinausgeschoben, aber diese Nacht musste er in den Wald aufbrechen, um ein Stück Wild zu erlegen. Leidenschaftslos und heimlich, versteht sich, aber nicht allein. Er fürchtete sich in dem Dunkel unter den Bäumen. Doch sein alter Jagdkumpel war ihm gerade weggestorben. So schlürfte er über den Damm zum Schnitter Hannes. Der war letzten Sommer wegen einer Frau hier geblieben. Doch die hatte ihn nicht lange gewärmt und war mit einem Schiffer auf und davon. Hannes fegte gerade Schnee vor dem windschiefen Schnitterkaten. Konrad murrte ihm zu: „Ist in deiner Kammer auch Ebbe? Hannes nickte: „Leider.“ „Dann lass uns heute Nacht zusammen jagen gehen. Einen Teil der Beute tauschen wir gegen Silber und Mehl.  Der Rest wird zu Brühe und Dauerwurst.“

Hannes lenkte sofort ein:  „Oh, danke, dass du mir vertraust. Aber lass uns weit vom Dorf entfernt die Büchsen anlegen, damit der Förster nicht unsere Spuren liest. Draußen, am Punskuhl, da steht immer was im Mondlicht.“

Konrad schüttelte den Kopf:  „Bist du lebensmüde? Dort ist es nicht geheuer!“
„Was soll da schon sein, der Sumpf ist zugefroren?“, brummte Hannes.
Konrad flüsterte: „Dort geht die Klingelmarie um, ganz gleich welches Wetter und welche Jahreszeit. Seit Ewigkeiten erzählt man sich in Kurtschlag und Groß Dölln die Legende von der Klingelmarie. Selbst, die in den Wald gehen, um im Mondlicht einem Hirsch nachzuspüren, fürchten sich vor der spukenden Tochter des Ritters von Dölln. Der hatte einst an der Döllner Chaussee ein prächtiges Schloss mit fünfhundert goldgefassten Fenstern errichten lassen. Der große Besitz aber impfte die Ritterstochter Marie mit einem Hochmut, der nichts neben ihr atmen lies. Und so kam es, dass bei einem zornigen Gewitter Blitz und Donner in das Schloss fuhren, und mit ihm alles was darin ward tief in die Erde schlug. Dort, wo es stand,  moderte fortan nur noch ein Sumpf – der Punskuhl.  Man munkelt, die Wasserrosen, die dort im Sommer so schön blühen, seien die verwunschenen Burgfräuleins und im Schilf könnte man die Knappen und selbst den Döllner Ritter erkennen. Ruhelos geistert dort nachts die Ritterstochter umher. Ihre weißen Tücher hält ein Gürtelband, an dem die Schlüssel vom Schloss bei jedem ihrer Schritte klimpern. Deshalb nennt man sie ‚Klingelmarie‘. Sie sucht nach einem reinen Jüngling, der sie von ihrer Unrast erlösen soll. Doch bisher hat sie keinen gefunden, und jeder, der ihr bisher begegnete, starb sogleich ganz bleich vor Schreck.“

Hannes prustete aus breiter Brust: „Aberglaube! Alles Mumpitz! Ich bin doch kein Hasenfuß. Wenn du schiss hast, dann gehe ich halt allein in diesen Wald.“ Der Erzähler ärgerte sich und zog beleidigt davon. Aber Hannes brach des Nachts allein auf. Er pirschte sich entlang des Döllnfließes Richtung Osten. Der Mond warf ein helles Licht auf den schleichenden Mann, der unter seinem Mantel die Flinte verbarg. Der Schnee knirschte und funkelte. Hannes war es plötzlich, als würde er von Seelen umschwebt. Sie tuschelten ihm ihre Geheimnisse zu – von Wilderei und Förstermord, vom Ritter von Dölln und seiner Tochter, von Häschern und Gejagten – ihm wurde ganz mulmig dabei. Doch als er schließlich in der Niederung einen weißen Hirsch entdeckte, legte er an, vom magischen Jagdfieber getrieben. Sein Schuss hallte durch das Dunkel. Hannes traf, doch da zerbröselte die Tiergestalt und aus ihrem Weiß erhob sich die stolze Marie.

Geisterhaft raunte sie: „Huhu, Duhu! Was suchst du in diesem Wald, einen Hasen oder ein Weib, einen Hirsch oder eine Geistergestalt?“

Weil der Hannes wie angewurzelt stand und sprachlos  blieb, wehte die Klingelmarie in ihren weißen Nebeltüchern heran und umgarnte Mann, der nicht wusste, wie ihm geschah. Undurchdringliche Schwaden zogen über den Sumpf, aus dem Maries Schlüssel eine schaurige-schöne Melodie klimperten. Der junge Wilderer ward von diesem Augenblick an nie mehr gesehen.

Aber fürchtet euch nicht! Vielleicht hat ja der Schnitter Hannes die Klingelmarie endlich von ihrem Fluch erlösen können, und das Paar ist einfach im Glück entschwunden. Gewiss ist das aber – wie alle Sagen – nicht.

(Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin , 1843, bearbeitet und erweitert von Petra Elsner)

 

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