Das Nebeltor (2)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Nach dem Gewitterguss war die Temperatur an diesem Julimorgen stark gesunken. Nebelbänke lagen milchig über dem Gras. Flora sammelte Wiesenchampignons.
Sie fröstelte in der noch klammen Morgenstunde. Doch nach dem starken Regen schossen die schmackhaften weiß-grauen Blätterpilze massenhaft aus dem Boden, die wollte sie sich nicht entgehen lassen. Aber was war das? Aus zwei großen Löchern in der Wiese stieg Nebel wie aus Schloten auf und formte sich zu einem lichten Bogen. Er wölbte sich nun in die Tiefe zu einer Art Konzertmuschel, wie sie in den Kurorten zu finden sind, aber es blieb ein offener Bogen. Flora setzte das Pilzkörbchen ab und staunte über das Schauspiel. Etwas zog sie an. Ganz sacht und unaufdringlich, doch sie konnte nicht anders, als auf den Bogen zuzugehen.
„Komm!“, lockte eine weiche Stimme. „Komm, geh durch das Nebeltor! Wir brauchen dich!“
Flora schauderte es. Sie hatte niemanden auf der Wiese gesehen. Wer mochte da rufen? Sie stand jetzt genau unter dem weißen Bogen, das Land dahinter sah aus wie immer – wiesengrüne Kuppen bis zum Horizont. Doch als sie durch das Tor gegangen war, kräuselte sich die Ansicht wie Knüllpapier und veränderte sich mit dem nächsten Atemzug.

Plötzlich stand sie inmitten eines flimmernden Silbernebels, der keine Konturen erkennen ließ. Sie steckte in einem pulsierenden Silberweiß, was sich sehr merkwürdig anfühlte. Das Tor war verschwunden. Flora war nicht ängstlich, aber das hier war ihr nicht geheuer. Wie konnte es sein, dass sie auf
der vertrauten Wiese hinter dem Elternhaus einen so fremden Ort betrat? Es war kalt, eine Gänsehaut schlich über ihre Arme. Sie räusperte sich und fragte in die Nebelschleier: „Jemand da?“ …


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