Milchmond (40)

… Nachts hockten abermals die schrulligen Moosgestalten vor Julie Ackers Hof und sinnierten unbeobachtet. „Sie haben den Falschen“, versicherte der schmale Schatten.
„Sie werden ihn wieder freilassen, denn selbst ein Wilderer ist er nicht. So was nenne ich schlicht Mundraub.“, raunte der kleine Schatten und der Große erinnerte sich: „In den 1840er Jahren gab es hier regelrechte Wilderer-Banden, die gewerbsmäßig alles bejagten, was ihnen vor die Flinte kam. Derbe Meuten waren das, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Sie rechtfertigten sich mit ihren Hungerlöhnen oder Missernten. Das waren üble Zeiten, in denen selbst für ein bisschen Holz gemeuchelt wurde. Drei Tote hinterließ der Raub von sechs Birken 1822 in den Königlichen Forsten zwischen Zerpenschleuse und Hammer. Aber es konnte noch um viel weniger gehen, wenn beispielsweise Förster oder Fußjäger und heimliche Grasmäher sich im Wald begegneten, da wurden meist kräftige Fausthiebe verteilt. Für eine Fuhre Gras fast totgeschlagen. Herrje. Viele Fälle blieben damals ungeklärt. Und die heimliche Jagd im Scheinwerferlicht gibt es immer noch, mit teuren Waffen ohne Rast und mit großer Gier. (*) Ich bin mir nicht mehr gewiss, ob die Kommissare wirklich noch die richtige Spur je finden.“

Als Julie morgens das Fenster zur Straße öffnete, sah sie noch die drei Sitzspuren im Schnee auf der Moosbank. Hatte sie was verpasst? Seit sie mit dem Ausbau der Ferienzimmer zugange war, fiel sie nachts in einen traumlosen Tiefschlaf. An den Wochenenden kam Kai, verlegte Kabel und putzte Wände. Heute würden sie malern. Aber noch lauerte sie auf das Bäckerauto, das heute etwas später dran war. Über all der Arbeit kamen Julie und Kai Fischer sich nicht näher, obwohl es sie es spürten, dass da ein Gefühl zauberte. Sie wusste nicht weshalb sie ihn auf schützende Distanz hielt. Es hupte schon weit von der Kreuzung her. Die Frau griff ihre Börse und schlenderte zum Halteplatz des Versorgerautos. Dort warteten bereits ein paar Nachbarinnen. Dörte tönte ganz aufgeregt: „Die Wildkamera hat einen großen Weißen abgelichtet. Einen weißen Wolf. Unglaublich!“ Die Frauen ringsum waren nicht so begeistert wie die Rangerin. Im Gegenteil. „Früher haben die Bonzen uns den Wald mit Schlagbäumen für ihre Staatsjagd verstellt, und jetzt ist es der Wolf, der uns den Wald als unsicheres Terrain vermiest. Abschießen müsste man die alle, ehe noch etwas geschieht“, schimpfte die alte Rosa. Sie war eine ausgewiesene Wolfsfeindin. Dörte holte tief Luft und giftete zurück: „Außer im Märchen ist noch keine Großmutter vom Wolf gefressen worden!“
Julie kaufte ihre Brötchen und entfernte sich wieder wortlos. Die ganze Aufgeregtheit rund um den Wolf nervte sie. Es ist ein großer Wald in dem wir hier wohnen und kein geschützter Freizeit- oder Therapiepark, dachte sie für sich. Waldbaden – was den Leuten so alles einfällt, wenn sie das gesunde Gespür für Natur verlernt haben. Die Frau kochte Kaffee, deckte den Frühstückstisch und wartete. Kai kam nicht. So begann sie alleine die Wände zu streichen.  Gegen 11 Uhr klingelte das Telefon. Julie ließ die Malerquaste fallen und nahm mit Farbfingern den Anruf entgegen: „Sind Sie Frau Acker?“ „Ja.“ „Hier ist das Vivantes, Klinikum im Friedrichshain. Herr Fischer liegt mit einer Bauchfellentzündung auf unserer Station und lässt sich entschuldigen…“
Eine gute Stunde später saß Julie an Kais Bettkante. Man hatte ihm das Bauchfell innerlich gespült und noch war er benommen von der Narkose. Sie griff seine Hand und streichelte sie vorsichtig…

© Petra Elsner
5. Januar 2019

Quellen:

(*) „… nur der Mond war Zeuge“ von Helmut Suter, Heft 6 der Schriftenreihe des Schorfheide-Museums Groß Schönebeck

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