Milchmond (39)

… Drei Kähne mit Bootsführern hatte die Wasserpolizei den Kollegen von der Kripo per Lastwagen zum Damm im Moor gebracht. Seit Stunden suchten sie nach jenem Mann, der offenbar im Wald hauste und sich vor ihren Blicken verbarg. Warum? War er der Mörder von Laura, einer der entlaufenden Psychos oder nur ein scheuer Aussteiger? Die Anspannung war undefinierbar. Das Moor führte schmale Wasseradern, über die sie gut vorankamen, aber das Land im Dickicht erreichten sie so nicht. Sie mussten aussteigen und festen Boden suchen. Die Ranger wussten, wo diese kleinen Inseln zu finden waren. Der Weg war beschwerlich und Franziska Korn maulte bald: „Wozu gibt es eigentlich Hubschrauber?“
„Ja, ich dachte, so sind wir näher dran,“ antwortete Eberhard Stark. Es sollte recht behalten, denn kaum später entdeckten sie eine Köhlerhütte auf festem Grund. Bretter, Schilfgras und Moos bildeten eine Art Meiler, aus dessen offener Spitze Rauch aufstieg. Es war still, nur ein paar Hühner scharrten auf dem Boden nach Futter. Das Suchkommando umzingelte lautlos die Hütte und Ermittler Stark klopfte schließlich kräftig an die klapprige Tür. Sie wurde vorsichtig geöffnet. Eine gebeugte Gestalt trat ins Freie, die einigermaßen Erstaunen auslöste: Langes Grauhaar fiel dem Mann ins Gesicht und sein struppiger Bart bedeckte spärlich die Zahnlücken im Mund. Gehüllt in eine verfilzten Deckenkutte stand er ganz wehrlos in diesem Wintertag und stammelte: „Ich heiße Leo Altmaier und lebe seit Jahren in diesem Wald.“
Zeigen Sie uns bitte ihren Ausweis, Herr Altmaier? Wir müssen einen Sachverhalt klären!“, sprach Ermittlerin Korn ruhig den Mann an. Seine Augen huschten nervös hinter seinen dicken Brillengläsern über ihrem Blick, dem er nicht standhalten konnte. Er nuschelte kaum verständlich: „Hab keinen.“ Er blies sich fröstelnd in seine gefalteten Hände und trat von einem Fuß auf den anderen.
„Wenn sie gar nichts vorweisen können, was Sie ausweist, müssen wir Sie mitnehmen,“ sprach Eberhard Stark streng und der Waldmensch flüsterte resignierend: „Dann müssen Sie das tun.“
Leo Altmaier sprach an diesem Tag kein Wort mehr. Er wusste, dass die Gesellschaft Aussteiger argwöhnisch ins Visier nahm. Ohne Gemeinschaft und ohne Geld in die Wildnis abzutauchen, machte den Mann verdächtig. Sein Alter war kaum zu schätzen. Franziska Korn hatte ihm zur Nacht in die Zelle einen Stapel gebrauchter Kleidung neben das Waschbecken gelegt. Obenauf thronte ein Einmalrasierer. Er verstand den Wink.
Nein, Altmaier war nicht der gesuchte Psycho, sondern lediglich ein Zivilisationsflüchtling. Vielleicht hätte man im Wilderei vorwerfen können, aber darum ging es nicht. Frisch rasiert und gekleidet in Jeans, kariertem Hemd und einer dicken Strickjacke begann er anderntags bei der Befragung spärlich zu antworten: „Ich stamme aus Greifswald. Bin 46 Jahre alt, geschieden und war Tierpfleger. Die Trennung von Frau und Kindern hat mich und unseren Bio-Hof ruiniert. Die Zwangsversteigerung stand an. Ich wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Hab‘ ich alles stehen und liegen gelassen und bin ich einfach losgelaufen bis hierher in die Schorfheide. Das ist etwa zehn Jahre her.“
„Was wissen Sie über den Mord, Ende November im Wald bei Sandberg?“, polterte Kriminaloberkommissar Stark dazwischen. Diese Aussteigermär nervte ihn. Er verachtete den Mann und zeigte das ganz deutlich. Sein herrischer Ton ließ Altmaier zusammenzucken. Er stammelte nur leise: „Em, ich weiß nichts Genaues. Hab eine Frau schreien gehört. Bin dorthin, so schnell ich konnte. Fast irre vor Angst. Ich sah noch wie der Mann zustach und wegrannte. Zu einem grünen Auto, mit dem er floh. Es regnete und ich habe ihn nur als Schatten gesehen.“
„Und warum haben Sie uns nicht informiert?“, fragte Franziska Korn. „Sie haben die Frau einfach liegen gelassen?“
„Sie war tot und ich wollte nicht aus meinem Versteck. Ich hab sie am nächsten Tag mit einem, weißen Tuch bedeckt. Zu grausam war ihr Anblick. Man hätte mir bestimmt nicht geglaubt. Einem Waldmenschen. Sie haben mich ja auch gleich einkassiert, nur weil ich keinen Ausweis vorweisen konnte.“
Franziska Korn räusperte sich: „Herr Altmaier, wir brauchen eine DNA-Probe von Ihnen, um sie mit unseren Spuren abzugleichen.“ Hinter ihr stand bereits der Kollege vom Labor, mit einem Wattestäbchen zwischen seinen weißen Handschuhfingern…

© Petra Elsner
4. Januar 2019

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