Milchmond (23)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Zeit war treulos und verschwand in einem schwarzen Loch. Julie konnte sich eine Woche später kaum entsinnen, was sie erledigt hatte und wem sie begegnet war. War sie überhaupt jemandem begegnet? Das Dorf mied jene, die den Tod berühren. Als ob es spürte, dass Julie gerade einen Fuß vor die Tür stellte, war plötzlich die Straße leergefegt. Zufall oder Kalkül, sie wusste es nicht. Die Frau hatte begonnen, mit dem alten Rabenvogel in ihrem Garten zu sprechen. Damit er näher kam, legte sie ihm ein Stück Brot auf das Fensterblech. Der Vogel erspähte ihre Aktion sogleich und kam nur, um rasch das Futter aufzunehmen und wieder ins Birkengeäst zu entfliehen. Aber in dem Moment seiner Landung, sahen sie sich Auge in Auge. Ein Dialog der Blicke – einen dankbaren Atemzug lang.

Zeichnung: Petra Elsner

Als es klingelte, schreckte sie regelrecht auf. Durch das Fenster zur Straße sah sie Otto Ehrenburg vor seinem schwarzen Pick Up stehen.
„Darf ich reinkommen“, fragte er, als sich die Tür öffnete. „Ich wollte endlich mal nach Dir sehen und fragen, ob ich Dir was helfen kann.“
„Kannst Du. Bestimmt“, gab sie abgehackt zurück.
Auf dem Weg zur Küche kramte er in seiner Hängetasche, um vorsichtig ein Päckchen herauszuheben. Als sie den Kuchen aus dem Seidenpapier entblößte, sagte sie nur trocken: „Windbeutel! Dass passt ja wie Faust aufs Auge!“
Otto war ein typischer Brandenburger, der mit Ironie nicht viel anfangen konnte, deshalb maulte er leise vor sich hin: „Du machst auch aus jeder Vorlage einen Elfmeter.“
„Kann sein.“ Julie lächelte milde und Otto Ehrenburg wusste, dass dahinter keine Absichten steckten. Die Schwester seiner Geliebten hatte ihm einst überdeutlich gezeigt, wie sehr sie ihn verachtete, weil er in seine trostlose Ehe zurückruderte. Nun saßen sie beieinander und konnten sich doch keinen Trost zusprechen. Es waren einfach die Falschen, die das versuchten, aber Otto sagte zu, beim Ausräumen der Berliner Wohnung zu helfen und schwere Arbeiten auf Zuruf zu übernehmen. Das war auch schon etwas. Als der Mann den Hof wieder verließ, rutschte Julie für den Rest des Tages abermals in eine dunkle Leere.

In dieser Nacht murmelte der kleine Schatten unbeobachtet auf der Moosbank: „Das Dorf macht wieder einen Bogen.“ Und der Große ächzte: „Das ist überall so, ganz gleich, ob Dorf oder Stadt. Während sich die Gesellschaft ständig jugendlicher, perfekter und effizienter gibt, entsteht in ihr ein Paradoxon: Die aufgeklärte Moderne weist Krankheit und Tod noch weiter von sich, als zu unseren Lebzeiten. Die Angst davor wächst, denn die Leute wollen nicht auf die Seite der Verlierer geraten. Deshalb weichen sie der Berührung mit anderer Leute Leid aus, als wäre es ansteckend. Man nennt das auch: hoch kultivierter Individualismus! Der treibt nicht nur in die Einsamkeit, sondern auch in eine allgemeine Gefühlskälte.“ Der kleine Schatten seufzte: „Können wir ihr irgendwie helfen?“
Und der Große antwortete hoffnungsvoll: „Vielleicht.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:
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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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