Milchmond (28)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Eines Morgens waren sie aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Manche Nacht hörte er nun einen Schrei aus der Erde, aber es war kein Ton, der noch zu ihm gehörte. Frau und Tochter blieben seit jenem Unfallmorgen verschwunden in einer anderen Zeit, und er begann sein Eremitendasein ohne den Wunsch nach menschlicher Nähe. Bis zu ihrem Blick, der so traurig war, dass er ihn kaum aushielt. Seither dachte er an Julie und wartete auf ihren Anruf. Wenige Tage vor Weihnachten war es soweit. Eine schlichte Verabredung für den nächsten Tag, aber sein Herz klopfte dabei, als hätte er einen 100-Meter-Sprint hinter sich.
Sie fuhren die 70 Kilometer von Sandberg nach Pankow mit drei Autos. Dörte, Otto und Julie. Kai Fischer hatte den nötigen Parkplatz für ein paar Stunden mit einem rotweißen Band abgesperrt und wartete vor dem fein sanierten Gründerzeithaus. Als Otto Lauras Wohnung betrat, bekam er weiche Knie. Er sah sofort, dass seine Ex-Geliebte hier nur ein Zwischendasein führte, und er fühlte sich dafür irgendwie verantwortlich. Jetzt zerlegte er Regale und die Frauen packten den übersichtlichen Hausrat in Taschen und Kisten. Die ganze Aktion dauerte keine drei Stunden. Als fast alles verstaut war, stellte Julie eine Platte mit belegten Brötchen und Becher mit Kaffee auf den Fußboden und bat: „Kommt, kleine Stärkung!“ Die Helfer hockten sich wie um ein Lagerfeuer auf die blanken Dielen und langten zu.
„Was machst Du jetzt mit dem ganzen Zeug?“, fragte Dörte. Julie hing mit den Lippen pustend am heißen Kaffee und sprach ganz ruhig: „Ich bin noch nicht ganz sicher, ob dass der richtige Weg ist, aber ich muss das Leben neu zu sortieren. Hab mir überlegt, zwei Ferienzimmer auf dem Hof einzurichten, dafür kann ich die Sachen hier gut gebrauchen. Und wenn die Saison angelaufen ist, hole ich die Mutter zurück nach Hause. Wir hatten eine Verabredung, die Laura und ich, unsere Mutter kommt nicht ins Heim. Im Moment ging es für mich nicht anders, aber ich werde mein Versprechen halten.“
Kai Fischer fixierte Julie mit großen Augen und dachte: Stark, so eine tapfere Frau.
Dörte sah seinen Blick, freute sich still für ihre Nachbarin und sprach dann in das Rund. „Ferienzimmer – das ist eine gute Idee! Was meinst Du, wie oft ich nach meinen Schorfheide-Führungen gefragt werde, wo man hier ein Wochenende oder ein paar Tage unterkommen kann. Auch die Jäger suchen immer ein einfaches Quartier. Da kann ich Dir bestimmt ein paar Weichen stellen.“
Otto Ehrenburg fand die Idee auch gut und nützlich: „Wisst ihr, der Alfons aus Friedrichswalde und ich planen ab Mai Fototouren ins Wolfserwartungsgebiet. Ich bin sicher, dass diese Waldwanderer auch Übernachtungsmöglichkeiten suchen werden. Gut möglich, dass Du bald noch die Scheune ausbauen musst.“
Dörte neigte sich flüsternd zu Julie: „Spürst Du eigentlich, wie der Dich anschaut?“ …

 

© Petra Elsner
28. Februar 2018
Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (10)

Foto: Petra Elsner

… Alfons Reichelt lächelte väterlich, als er seinem jüngeren Freund die Tür öffnete: „Du wirst es nicht glauben Otto, ich bin gestern einem Wolf begegnet. Einem Einzelgänger. Ich stand auf einer kleinen Anhöhe bei der Eichenheide und schaute still ins Land, da hörte ich ihn hecheln. Er überquerte vor mir den Weg, blieb stehen, warf mir einen scheuen Blick zu, dann zog er seiner Wege.“ Ein Leuchten husche über die Blicke der Herren. Die Begebenheit passte einfach super zu ihrem Thema „Die Schorfheide – Wolfserwartungsgebiet“. Beide Männer versuchten künstlerisch diesem Szenario nachzugehen. Der eine mit Fotos und Texten, der andere mit Skulpturen in Stein gehauen. Dass die Reichelts vor zehn Jahren vom Rhein nach Friedrichswalde zogen lag daran, dass Dora Reichelt bei ihren Besorgungen über die Broschüre „Wölfe in Brandenburg“ stolperte. Zurück daheim wedelte sie mit dem Teil und frohlockte: „Alfons, wir verbringen das Alter nicht in Frankreich, wir ziehen in den Osten Brandenburgs.“ Das taten sie dann auch, denn das Paar wollte seinen letzten Lebensabschnitt in einer Landschaft beginnen, in der der Wolf noch oder wieder Zuhause ist. Es suchte genau diese spezielle Qualität von Natur, mit der es eins sein wollte bis ans Ende ihrer Tage. Dass Alfons zu alle dem noch einen neuen Freund fand, war das größte Glück des Bildhauers. Otto Ehrenburg schätzte Reichelts Gespür für Wildnis und Steine und verstand seine handverwandelten Chimären. Ganzjährig stehen die Bildwerke in Wind und Wetter auf seinem Skulpturenhof, setzen Moos an und werden wieder eins mit dem Landschaftsbild der Schorfheide, dem sie entsprangen: Ein Kranichpaar, Hirschgötzen, verschiedenstes Blattwerk, Vogelstelen und Motive aus dem Schmelz von Tier und Mensch. Es sind Grenzsteine zwischen Alltag und Kunst. So blieb der Zugezogene kein Fremder. Er passte hierher, als wäre er schon immer hier gewesen, bodenständig und voller Liebe. Jetzt dachten die zwei Männer über eine gemeinsame Ausstellung nach. Der Wolf im Zeitspiegel. Sie wussten, so ein Stoff provoziert…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

 

Hinweis zum Urheberrecht:

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