Milchmond (19)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kinimalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

… Stunden später wurde das Opfer rechtsmedizinisch untersucht und es war bald  klar, das Tötungsdelikt ging mit einer Vergewaltigung und schweren Misshandlungen einher. Ein exakt gesetzter Messerstich ins Herz, machte dem Martyrium der jungen Frau schließlich ein Ende. Die Winterkälte konservierte den traurigen Zustand, der keinen Zweifel über den Tathergang bei den Experten hinterließ. Auch DNA wurde entdeckt: Graues Haar, Hautteilchen und Sperma. Druckstellen – offenbar von den Händen des Täters – verrieten, er muss groß und kräftig gewesen sein, und er hatte die seltene Blutgruppe AB positiv.
Im Sandberger Dorfkrug hatten zwei Ermittler der Mordkommission Prenzlau ihr ambulantes Büro einen Tisch aufgeschlagen. Dem Wirt war das nicht recht, er hatte an seinem Ruhetag nur für die Feuerwehrleute spontan geöffnet, um den Helfern einen warmen Platz und eine deftige Bohnensuppe auszugeben. Strom gab es noch nicht, aber der alte Kachelofen spuckte wohlige Wärme und Kerzen spendeten ein schummriges Licht. Mit quenglicher Stimme fragte Uhrig: „Möchten Sie vielleicht was Heißes? Tee, Kaffee oder Bohnensuppe? Der Gasherd macht‘s möglich, nur Wasser ist knapp.“
Die zwei Kriminaloberkommissare entschieden sich für Suppe und Tee. Als der Wirt servierte, dankten sie höflich und begannen zugleich mit ihren routinemäßigen Fragen. Oberkommissarin Franziska Korn sah Uhing ruhig an: „Irgendwelche Fehden im Dorf, von denen wir wissen sollten, Herr Wirt?“
„Nichts von Bedeutung. Sandberg ist ein stilles Dorf. Es gibt fast nur noch alte Leute hier, von einer Handvoll Ausnahmen abgesehen. Die Ackerschwestern wären bestimmt auch schon weggemacht, hätte der republikflüchtige Vater ihrer Mutter nicht so ein elendes Leben beschert. Der hat sich über Ungarn rausschleusen lassen und sie bekam Berufsverbot. Sippenhaft eben. Geputzt hat die gelernte Drogistin im Hotel bis sie das große Vergessen erwischte. Ein Scheißleben. Aber die Mädchen haben gut zu ihr gehalten. Nur miteinander hatten sie ab und zu ein bisschen Stress. Zicken-Alarm, mehr nicht. Letztes Jahr ist Laura nach Berlin gezogen. Wissen Sie, Distanz und Nähe, dass ist auf dem Dorf immer ein Drahtseilakt, da ist es manchmal besser,  eine Zeitlang Abstand zu wahren.“
Der Wirt wollte sich zurückziehen, aber Ermittler Eberhard Stark, rückte ihm einen Stuhl neben sich zurecht: „Erzählen Sie weiter, weshalb hatten die Schwestern öfter Streit?“
Uhlig schniefte: „Ach, nichts Besonderes. Laura lebte gerne auf großem Fuße und kam deshalb mit ihrem Gehalt als Altenpflegerin nicht gut aus. Sie pumpte sich bei jedem was, der dazu bereit war. Die meisten schwiegen darüber, aber ihre große Schwester hat ihr oft die Ohren langgezogen.“
Die Tür ratschte, Püschel und Ehrenburg traten grüßend ein. Klopften sich den Schnee von den Jacken und schleppten sich an den Kachelofen. Sie waren müde und erschüttert. Der Feuerwehhauptmann sprach mit gesenktem Blick in den Gastraum: „ Wir haben ein Holzkreuz und ein Grablicht am Fundort aufgestellt.“
Anna Uhlig hatte ihre winzige Küche verlassen und brachte den Männern am Ofen dampfende Suppenschüsseln: „Hier Jungs, damit ihr ein bisschen auftaut.“ Sie streichelte die Zwei mit ein paar Strichen über deren Arme, Worte fand die scheue Frau des Wirtes nicht. Schnell war sie wieder in ihr Reich verschwunden als wäre es ein sicherer Ort.
Draußen heulte der Sturm. Trotzdem war es so leise in Sandberg als hielten alle den Atem an, wie immer, wenn der Tod in ein Haus gekrochen war. Leben und Sterben sind auf dem Land noch so nah, dass das Leid anderer gefühlt wird…

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (17)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

Julie stolperte heimwärts. Weshalb nur fuhr Laura auf der Chaussee nach Groß Dölln, sie wollte doch noch zur Tanke in Zehdenick? Hatte sie das in ihrer Rage verworfen? Vom Grübeln fühlte sich Julies Kopf schon ganz wund an. Die Kälte verstärkte ihren Zustand. Glühwein und Korn – eine üble Mischung, morgen wird sie jede Haarspitze spüren. Als die Wolken aufrissen und einen weißen Mond freigaben, blieb sie in seinem fahlen Licht stehen. Der offene Nachthimmel verriet, ein starker Wind wird aufziehen.
Aus der Stille schwappte ein seltsamer Ton. Etwas wie borkiges Räuspern. Es kam von der Bank, auf der zwei Moosgestalten hockten. „Ihr habt mir heute gerade noch gefehlt“, murmelte die Frau fröstelnd in ihren Wickelschal. Wenn ich jemandem von Euch erzählen würde, die steckten mich doch glatt in die Klapse. Die Schatten stimmten ihr nickend zu. Der Kleine rutschte ein Stück zur Seite und winkte. Julie schwankte die letzten Schritte zur Bank und ließ sich schließlich zwischen den Nachtschatten nieder. Es war kalt und die Gestalten neben ihr hatten kein bisschen Wärme für sie, aber sie sprachen mit ihr: „Weißt Du noch, wie Du früher immer in den Rehbergen gerutscht bist? In einem Pappkarton mit Laura die dünne Schneepiste hinab? Das war ein Gaudi! Zum Faschingsrodeln schauten immer zwei Seeräubertöchter aus dem Karton. Es war so ein stabiler Westkarton mit Metallecken von Eurem Vater.“ Der kleine Moosschatten schwieg nachdenklich, es schien, als würde er tief atmen und seufzen. Da sprach der große Schatten weiter: „Von Liebe hat er Euch geschrieben und der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auf einer bunten Karte, die stets in dem Karton voll Apfelsinen lag. Aber als jener Herbst kam, in dem die Mauer fiel,  blieben seine Lebenszeichen aus. Unbekannt verzogen oder auch abgehauen zum zweiten Mal. Viele hofften in diesem milden Winter auf ein Leben in Freiheit und waren doch bald nur Beute. Dieser Herbst deckte unzählige Lügen auf allen Seiten auf.“  Julie konnte nicht antworten, sie hatte einen Klops im Hals. Sie wusste, die Nachtschatten sind erfundene Realität, aber weshalb sprachen sie mit ihr?
Ein schwerer Griff rüttelte sie wach. „Süße, willst Du erfrieren?“ Anton Müller hatte die junge Frau auf seinem Heimweg in der Nacht entdeckt, griff ihr unter die Arme, stellte sie auf und schob sie die wenigen Meter bis vor das Hoftor der Familie. Ohne ein weiteres Wort verzog sich der Helfer dieser Nacht, es war in Sandberg nicht üblich, kleine Peinlichkeiten zu kommentieren…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (16)

Öffenliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Der Abend kippte. Im Dorfkrug sinnierten die Einheimischen, wer, wann Laura wo zuletzt gesehen hatte. Selbst der Wirt fand zu seiner Sprache zurück und nuschelte irritiert vor sich hin: „Laura würde doch nie einfach verschwinden. Selbst wenn sie noch so sauer wäre, sie würde eine Ansage machen, bevor sie in irgendeinen Flieger stiege.“
Die Zwillinge waren sich einig, sie hatten am späten Abend des 24. Novembers ihren froschgrünen Opel auf der Chaussee nach Groß Dölln gesehen. Klaus war unschlüssig: „Wir kamen gerade vom Skat bei unserem Golliner Kumpel. Ob da allerdings wirklich Laura drin gesessen hat, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dazu war es natürlich zu dunkel. Jedenfalls sind wir dort ihrem Blitz begegnet.“
Julie nickte: „Das war kurz nach der Zeit, als Laura stinksauer den Hof verließ. Wir hatten uns wieder einmal in den Haaren. Nichts Besonderes. Ihr wisst ja, sie ist ein bisschen verschwenderisch, borgt sich schnell mal Kohle und gibt sie dann ewig nicht zurück. Ich bin gerastet und sie ist demonstrativ davon gerauscht – mit scheppernden Türen und bösen Worten.“
„Aber, dass sie ihren Pflegeschichten bei eurer Mutter nicht nachkam, das ist doch außergewöhnlich oder“, fragte Dörte.
„Ja, stimmt schon“, antwortete Julie, „Das kam noch nie vor, aber ich dachte, vielleicht war für sie das Maß einfach mal voll. Schließlich liegen bei uns beiden die Nerven blank. Die Pflege der Mutter – es ist hart zu erleben, wie sich ein Menschkopf nach und nach entleert. Da ist es nicht unverständlich, wenn eine die Chance ergreift, um sich mal wegzuducken.“
„Das denkst du“, wunderte sich die alte Rosa, „das deine Schwester den Streit zum Anlass nahm, um  sich eine Auszeit zu gönnen?“
Julie murmelte: „Irgendwie schon.“
„Das glaube ich nicht!“ mischte sich Anton ein. „Sie ist zwar eine Verschwenderin, aber ich kenne keine bessere Altenpflegerin. Als sie letztes Jahr noch im Dorf lebte, hatte sie meine Mutter betreut, da gab es nie etwas auszusetzen. Das Mädel ist wie ein Uhrwerk, absolut zuverlässig bei den Alten.“
Die Leute im Dorfkrug wurden plötzlich beklommen still, keiner sprach aus, was alle dachten. Dumpfe Ahnungen hocken zwischen allen Stühlen: Etwas Schlimmes musste geschehen sein…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (15)

Öffentliche Winterschreibarbeit 2018 zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Am Wanderer-Rastplatz loderte seit 18 Uhr ein Feuer und die Sandberger Bläser schmetterten Lieder zur Ankunft des Advents. Der Pfarrer teilte gut gelaunt Textblätter aus, Lesebrillen hatte er auch in seinen schier unergründlichen Manteltaschen dabei, auch Hustenbonbons und Taschentücher. Wer wollte, stimmte in den brüchigen Gesang mit ein, die anderen nippten am heißen Glühwein und genossen einfach den Abend im Feuerschein. Julie Acker stand still dabei, es war winterlich in ihrer Seele und in ihren Kopf hämmerten schwere Gedanken. Was könnte nur geschehen sein? Sie musste das Dorf einweihen, schon um ihre Kräfte zu potenzieren und außerdem war Laura eine von ihnen. Aber nicht gleich, die Leute sahen alle so froh und entspannt aus, da würde eine derartige Nachricht die ganze schöne Stimmung verderben. Vielleicht wäre es am besten, es nur Marlene zu erzählen. Die schafft bei “Löwenmenü”, diesem Essen auf Rädern, Montagsabend wüssten es alle. Aber Sandbergs Litfaßsäule war nicht unter den Sängern am Feuer. Das knisterte und stiebte Funken wie Sterne. Julie entschied sich lieber für den zweiten Glühwein mit Schuss. Die vier Jagdhörner tönten „Stille Nacht, heilige Nacht…“ Wo, um Himmels Willen, war Laura? Julie war bitter drauf und der Alkohol verstärkte es. Das war natürlich dem einen oder anderen in dieser Stunde nicht entgangen, es war nur eine Frage der Zeit, dass Dörte zu ihr trat und fragte: „Was ist los? Sorgen mit der Mutter?“
„Mit der auch, aber mit meiner Schwester stimmt etwas nicht. Ich musste gestern eine Vermisstenanzeige aufgeben.“
„Was?“ reagierte Dörte erschrocken. „Seit wann hast Du nichts mehr von ihr gehört?“
„Seit der Nacht, als Rosas Wald geklaut wurde.“
„Das ist ja schon über zwei Wochen her!“
„Eben.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (12)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

… Am Freitagabend brannte im Dorfkrug endlich wieder Licht. Eisiger Ostwind blies den ersten Frost in die Heide. Julie schlotterte innerlich auf dem Nachhauseweg. Ein Glühwein wäre jetzt nicht schlecht. Als sie die Holztür zur Wirtschaft öffnete, schlug ihr Stimmengewirr, Zigarettenqualm und der Mief von Frittieröl entgegen. Es war schon nach 22 Uhr, da dröhnten die einschlägigen Verdächtigen lauter, als zu Beginn der feierabendlichen Zapfparty. Halb Sandberg drängelte sich im Krug, denn natürlich wollten alle wissen, was mit Bernd Uhling los war, bevor ihn die Polizei kassierte und er für schlapp 24 Stunden verschwand. Aber der Wirt schwieg. Mit fester Mimik füllte er die Gläser und servierte sie wortlos. Stumm und steif wie ein englischer Butler. Das stachelte die Neugier des Walddorfes noch mehr an und so begann die Gerüchteküche langsam zu blubbern. Die Vorruhestandszwillinge hatten bereits den achten Korn, als der Ältere, Klaus, leise vor sich hin lallte: „Zu viele Körner und Kröten geschluckt, da kann man schon mal rasten.“ Und der Jüngere, Konrad, laberte ihm ins Ohr zurück: „Was heißt hier Kröten, dem hat nur ne fette Laus zu lange auf der Leber gesessen.“ „Leber war auch irgendwie dabei. Die plätscherte ein Hirsch-Delirium vom Feinsten“, lästerte Anton Müller im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand den Zwillingen zu. Die Drei grinsten einander vielsagend an, dann klopfen sie weiter ihren trödeligen Skat. Am Nebentisch debattierten die Forstarbeiter mit den Jägern über den Rückgang des Rehbestandes und die Waldbauern hockten mit Dörte Sandig am nächsten Tisch zusammen. Die hatten ihre Wildkameras miteinander auswertetet. Holzdiebe hatten sie keine entdeckt, aber zwei Wölfe bei Grunewald. Durchreisende oder ein Paar, das war hier die aufgeregte Frage, die in der vorgerückten Stunde im Geplätscher der geistigen Getränke langsam ersoff.
Juli hatte sich auf das Bankstück neben dem Ausgang gehockt und schlürfte ihren Glühwein. Hier würde sie es heute nicht mehr lange aushalten. Zu voll, zu laut, zu spät für alles….

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (11)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

… Zeitschatten

Der Hochnebel wollte nicht weichen und die Menschen begannen unter dem Dunst, schläfrig zu werden. Nachts kreisten Wildgänse über Wald und Dorf, sie tröteten lange in das endlose Grau als wüssten sie nicht wohin. Vielleicht aber riefen sie nur  ihre Nachzügler herbei. Julie kauerte in ihrer Müdigkeit. Sie war gerade von ihrer Spätschicht zurück. Abgespannt und zugleich aufgewühlt. Ihr nachtblasses Gesicht starrte reglos in ihr Spiegelbild im Küchenfenster. All ihre freien Tage waren aufgebraucht, deshalb hatte sie am Morgen die Mutter in ein Templiner Pflegeheim gebracht.  Vorläufig, bis sie mit Laura wieder im Reinen war. Es ging einfach nicht anders, dachte sie jetzt noch, aber ihr Gefühl wuchs hinüber in ein schrecklich schlechtes Gewissen. Helene Acker hatte die Tochter mit einem Blick verabschiedet, der sie aus tiefster Verachtung stumm anschrie. Laura hätte dem nie zugestimmt. Die Schwester war Altenpflegerin und kannte sich in den einschlägigen Heimen aus. Es war verabredet, die Mutter zu Hause zu pflegen. Aber Laura blieb mit ihrem Dickschädel auf Tauchstation und Julie wollte ihr nicht hinterherlaufen. Inzwischen waren seit ihrem Streit 14 Tage vergangen.  Das war länger als üblich.

Der späte Abend döste der Nacht entgegen. Plötzlich saßen sie da wieder, die Schatten auf der Moosbank. Julie konnte nicht anders, sie musste die Zwei durch das abgekippte Fenster belauschen. Sie erzählten sich wieder, wie es früher war, und was das heute bedeutet. Jetzt knarrte die eine Stimme: „Das die Jungen keine Bücher mehr lesen ist wirklich traurig.“ Und der andere Schatten ächzte: „Ist das ein Wunder nach dem großen Bücherfrevel 1990? All ihre vertrauten Helden landeten auf der Halde. Ganz gleich, ob staatsnahe Schwarten oder große Weltliteratur. Einfach alles flog auf die Kippen. Die Enkel haben den großen Bücheraustausch gesehen, damals als die D-Mark und die Einheit kam. Wer diese Bilder mit sich trägt, hat wohl  Mühe, jemals wieder dem gedruckten Wort zu glauben“ „Und jetzt sind sie weg, die Kinder. Na ja, fast alle, irgendwo versprengt in der Welt.“ Der kleine, dicke Schatten wackelte traurig mit dem Kopf und der andere nahm ihn vorsichtig in den Arm. Sie schwiegen und es schien, das Moos der Bank wuchs hinauf über ihre Gestalten. Julie schloss das Fenster. Sie tippte zum xten Male Lauras Nummer, aber die verweigerte sich abermals. Man kann’s auch übertreiben mit der Schmollerei, dachte Julie bei sich. Während sie ihr Nachthemd überstreifte, sah sie sich um, ja, wirklich, sie hatte keine Bücher im Haus, ausgenommen ihre Fachliteratur. Sie öffnete ihr Nachtschränkchen, ganz unten lag ihr Lieblingskinderbuch „Kuno, der fliegende Elefant“. Das allein hatte sie aus ihrem Geburtsland, das sie kaum noch erinnerte, bei sich behalten. Die Schatten hatten Recht, sie glaubte seit langem keinen Bücherworten mehr…

© Petra Elsner
Februar 2018

 

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Milchmond (10)

Foto: Petra Elsner

… Alfons Reichelt lächelte väterlich, als er seinem jüngeren Freund die Tür öffnete: „Du wirst es nicht glauben Otto, ich bin gestern einem Wolf begegnet. Einem Einzelgänger. Ich stand auf einer kleinen Anhöhe bei der Eichenheide und schaute still ins Land, da hörte ich ihn hecheln. Er überquerte vor mir den Weg, blieb stehen, warf mir einen scheuen Blick zu, dann zog er seiner Wege.“ Ein Leuchten husche über die Blicke der Herren. Die Begebenheit passte einfach super zu ihrem Thema „Die Schorfheide – Wolfserwartungsgebiet“. Beide Männer versuchten künstlerisch diesem Szenario nachzugehen. Der eine mit Fotos und Texten, der andere mit Skulpturen in Stein gehauen. Dass die Reichelts vor zehn Jahren vom Rhein nach Friedrichswalde zogen lag daran, dass Dora Reichelt bei ihren Besorgungen über die Broschüre „Wölfe in Brandenburg“ stolperte. Zurück daheim wedelte sie mit dem Teil und frohlockte: „Alfons, wir verbringen das Alter nicht in Frankreich, wir ziehen in den Osten Brandenburgs.“ Das taten sie dann auch, denn das Paar wollte seinen letzten Lebensabschnitt in einer Landschaft beginnen, in der der Wolf noch oder wieder Zuhause ist. Es suchte genau diese spezielle Qualität von Natur, mit der es eins sein wollte bis ans Ende ihrer Tage. Dass Alfons zu alle dem noch einen neuen Freund fand, war das größte Glück des Bildhauers. Otto Ehrenburg schätzte Reichelts Gespür für Wildnis und Steine und verstand seine handverwandelten Chimären. Ganzjährig stehen die Bildwerke in Wind und Wetter auf seinem Skulpturenhof, setzen Moos an und werden wieder eins mit dem Landschaftsbild der Schorfheide, dem sie entsprangen: Ein Kranichpaar, Hirschgötzen, verschiedenstes Blattwerk, Vogelstelen und Motive aus dem Schmelz von Tier und Mensch. Es sind Grenzsteine zwischen Alltag und Kunst. So blieb der Zugezogene kein Fremder. Er passte hierher, als wäre er schon immer hier gewesen, bodenständig und voller Liebe. Jetzt dachten die zwei Männer über eine gemeinsame Ausstellung nach. Der Wolf im Zeitspiegel. Sie wussten, so ein Stoff provoziert…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

 

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Milchmond (9)

Foto: Petra Elsner

… Zur selben Stunde stocherte ein kleiner, runder Mann mit seiner Jagdflinte Löcher in die Nebelschwaden. Bernd Uhlig hockte sturzbetrunken auf seinem Hochstand und schwankte mit seinem Oberkörper vor und zurück. „Komm, Hirsch!“ brüllte er immer wieder, als wollte er sich mit dem König des Waldes messen. Irgendein Kummer trieb offenbar den Wirt vom Dorfkrug in diesen desolaten Zustand. Ein verschreckter Pilzsammler hatte schließlich die Polizei gerufen. Jetzt rollte ein Streifenwagen langsam über die Waldpiste in die Nähe des Hochsitzes. Schüsse krachten durch das dunstige Grau. Die Funkstreifenbesatzung stoppte, sprang aus dem Wagen und suchte hinter Baumstämmen Deckung. Keine 20 Meter weit konnte man etwas erkennen. „Polizei! Legen Sie die Waffe ab und kommen Sie die Leiter herunter“, rief einer, der Uniformierten. „Ihr könnt mich mal!“ brüllte der rasende Mann und ballerte dazu den nächsten Schuss in den Himmel.
Sein ganzes Leben lang hatte sich Bernd Uhlig hinter dem Familientresen versteckt. Geduckt unter den Zeiten, mit jedem gut‘ Freund, seinen spitzen Kneipenhumor nuschelte er nur unverständlich vor sich hin. Jetzt brüllte er wie wild: „Komm, Hirsch, komm!“ Das ging noch ein Weilchen so, bis er plötzlich verstummte. Der Wirt war eingeschlafen und auch seine Wut. Nur ein fuseliger Atemschleier schwebte um sein aufgewühltes Gemüt, als ihm einer der Beamten die Knarre aus dem Arm zog…

© Petra Elsner
Januar2018

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Milchmond (8)

Foto: Petra Elsner

Nebeljagd

… Hinter Gollin lenkte Otto Ehrenburg seinem schwarzen Pick Up rechts ab und folgte der Waldstraße nach Reiersdorf. Fetter Nebel ließ den Tag kaum erwachen. Herr Ehrenburg wollte seinen Freund in Friedrichswalde besuchen. Kurz vor der Oberförsterei mischte sich in die schwere Luft dicker Qualm. Gleich darauf sah er aus dem dichten Nebel kleine Feuer lodern. Zünftige Gestalten standen wortlos bei einer frisch gelegten Strecke, als würden zu einer Szene für Caspar David Friedrich posieren. Nur das Motorengeräusch des Pick Ups ließ die Jagdgesellschaft aufhorchen und in seine Richtung starren. Seltsam anmutend, als späten die Waidmänner aus einem Dom aus Nebel, dampfenden Tierkörpern und Rauch. Die verschworene Gemeinschaft fühlte sich ganz offenbar in ihren Ritualen gestört und zeigte das mit finsteren Blicken.
Ehrenburg beschlich ein mulmiges Gefühl. Als Junge war er einmal in einen Rausch geraten, als er beim Stromern ein abgestoßenes Geweih im Wald des Vaters fand. Er spürte ein aufwühlendes Pulsieren, als würde ein Wildschütz in ihm erwachen, der ihn rastlos umtrieb, einen Hirsch auszumachen, sich anzupirschen und ihn mit einem Blattschuss zur Strecke zu bringen. Diese prickelnde Unruhe sprang den Jungen an und er begann sich vor diesem wilden Drang zu fürchten. Denn das Jagdfieber trieb ihn in einer Art Raserei in die Tiefe des Waldes. Weit ab vom Dorf irrte er durch die Heide bis ein paar Waldarbeiter ihn auflasen und ihn auf dem Pferdewagen heimwärts brachten – verwirrt vom Seelengeflüster des immer grünen Waldes.  Dieses flackernde Fieber arbeitete in ihm weiter, aber niemals mehr war er ihm erlegen. Otto Ehrenburg schoss heute lieber scharf mit seiner Kamera in die Welt der Vögel. Aber bei Nebel machte das wenig Sinn…

 

© Petra Elsner
Januar 2018

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Milchmond (7)

Abfluss vom Trämmersee.

… Anton interessierte das Palaver über den Holzdiebstahl nur  bedingt. Er war nicht betroffen. Vielmehr konnte er seine Augen nicht von Dörte lösen. Die zarte, zähe Gestalt imponierte ihm schon lange, besonders ihre energischen Auftritte. Ein echtes Charakterweib! Wie er das bei sich dachte, flackerte sein Jagdinstinkt auf. Frauen waren Anton Müllers zweite große Leidenschaft, die auch sein Alter nicht zügelte. Dörte spürte, wie ihr die Blicke des alten Schlawiners über den Rücken schlichen. Sie schüttelte sich kurz. Als Müller das sah, hauchte er ihr frech über die Schulter: „Manchmal ist es kalt in deiner Nähe.“ Einigermaßen fassungslos starrte Dörte den Zausel an. Doch seine wippenden Brauen verrieten ihr – der balzt nur ungeniert. „Du passt nur nicht in mein Beuteschema, alter Mann!“, gab sie den Ball schlagfertig zurück.
Anton steckte die Hände in die Taschen seines Blaumanns, fegte mit der Stiefelspitze einen Kienapfel vom Weg ins Wasser und sah auf die kleinen ziehenden Kreise. Ach, wie oft war er bei dieser feschen Dame schon abgeblitzt. Ein Jammer. Er legte den Kopf zur Seite und grummelte: „Da kann man nichts machen!“ „Genau, Anton! Und jetzt troll dich, wir haben zu tun!“ …

© Petra Elsner
Januar 2018

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