Milchmond (31)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Sie werden sich schon finden“, unkte der große Schatten in die Schneeweihnacht, „ganz bestimmt.“ Während die Alleinstehenden in der Wirtschaft miteinander tanzten, erschienen die Nachtschatten wieder unter den Sternen und sprachen über das große Zeitvergehen. Eine schmale, dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt. Die seufzte: „Ganz schön dunkel bei Euch.“
Der Große raunte warmherzig: „Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, denn die Ewigkeit ist lang. In ihr begleiten wir unsere Sippe als Zeitschatten. Ab und an flüstern wir ihnen Botschaften in ihre Träume, ansonsten bewachen wir den Lauf der Zeit.“
„Deshalb sind wir hier, um unsere Liebsten zu beschützen“, fragte der neue Schatten überrascht.
Der Kleine nickte und murmelte bedächtig: „Die Lust der Menschen nach immer größerer Beschleunigung hat uns in das monumentale Jetzt getrieben. Auf immer, denn es lebt kaum noch jemand in diesem klaren Moment. Ruhelos jagen sich die Leute bis in die Erschöpfung. Der Erschöpfte aber hat keine Empathie, keinen Weitblick, ist verführbar. Er braucht unseren Beistand.“
Nebelschleier flossen um die erdigen Füße der Moosgestalten, die verschwanden als aus dem Dorfkrug ein Paar in die Nacht trat….

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.
Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 717

Milchmond (23)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Zeit war treulos und verschwand in einem schwarzen Loch. Julie konnte sich eine Woche später kaum entsinnen, was sie erledigt hatte und wem sie begegnet war. War sie überhaupt jemandem begegnet? Das Dorf mied jene, die den Tod berühren. Als ob es spürte, dass Julie gerade einen Fuß vor die Tür stellte, war plötzlich die Straße leergefegt. Zufall oder Kalkül, sie wusste es nicht. Die Frau hatte begonnen, mit dem alten Rabenvogel in ihrem Garten zu sprechen. Damit er näher kam, legte sie ihm ein Stück Brot auf das Fensterblech. Der Vogel erspähte ihre Aktion sogleich und kam nur, um rasch das Futter aufzunehmen und wieder ins Birkengeäst zu entfliehen. Aber in dem Moment seiner Landung, sahen sie sich Auge in Auge. Ein Dialog der Blicke – einen dankbaren Atemzug lang.

Zeichnung: Petra Elsner

Als es klingelte, schreckte sie regelrecht auf. Durch das Fenster zur Straße sah sie Otto Ehrenburg vor seinem schwarzen Pick Up stehen.
„Darf ich reinkommen“, fragte er, als sich die Tür öffnete. „Ich wollte endlich mal nach Dir sehen und fragen, ob ich Dir was helfen kann.“
„Kannst Du. Bestimmt“, gab sie abgehackt zurück.
Auf dem Weg zur Küche kramte er in seiner Hängetasche, um vorsichtig ein Päckchen herauszuheben. Als sie den Kuchen aus dem Seidenpapier entblößte, sagte sie nur trocken: „Windbeutel! Dass passt ja wie Faust aufs Auge!“
Otto war ein typischer Brandenburger, der mit Ironie nicht viel anfangen konnte, deshalb maulte er leise vor sich hin: „Du machst auch aus jeder Vorlage einen Elfmeter.“
„Kann sein.“ Julie lächelte milde und Otto Ehrenburg wusste, dass dahinter keine Absichten steckten. Die Schwester seiner Geliebten hatte ihm einst überdeutlich gezeigt, wie sehr sie ihn verachtete, weil er in seine trostlose Ehe zurückruderte. Nun saßen sie beieinander und konnten sich doch keinen Trost zusprechen. Es waren einfach die Falschen, die das versuchten, aber Otto sagte zu, beim Ausräumen der Berliner Wohnung zu helfen und schwere Arbeiten auf Zuruf zu übernehmen. Das war auch schon etwas. Als der Mann den Hof wieder verließ, rutschte Julie für den Rest des Tages abermals in eine dunkle Leere.

In dieser Nacht murmelte der kleine Schatten unbeobachtet auf der Moosbank: „Das Dorf macht wieder einen Bogen.“ Und der Große ächzte: „Das ist überall so, ganz gleich, ob Dorf oder Stadt. Während sich die Gesellschaft ständig jugendlicher, perfekter und effizienter gibt, entsteht in ihr ein Paradoxon: Die aufgeklärte Moderne weist Krankheit und Tod noch weiter von sich, als zu unseren Lebzeiten. Die Angst davor wächst, denn die Leute wollen nicht auf die Seite der Verlierer geraten. Deshalb weichen sie der Berührung mit anderer Leute Leid aus, als wäre es ansteckend. Man nennt das auch: hoch kultivierter Individualismus! Der treibt nicht nur in die Einsamkeit, sondern auch in eine allgemeine Gefühlskälte.“ Der kleine Schatten seufzte: „Können wir ihr irgendwie helfen?“
Und der Große antwortete hoffnungsvoll: „Vielleicht.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:
Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 738

Milchmond (17)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

Julie stolperte heimwärts. Weshalb nur fuhr Laura auf der Chaussee nach Groß Dölln, sie wollte doch noch zur Tanke in Zehdenick? Hatte sie das in ihrer Rage verworfen? Vom Grübeln fühlte sich Julies Kopf schon ganz wund an. Die Kälte verstärkte ihren Zustand. Glühwein und Korn – eine üble Mischung, morgen wird sie jede Haarspitze spüren. Als die Wolken aufrissen und einen weißen Mond freigaben, blieb sie in seinem fahlen Licht stehen. Der offene Nachthimmel verriet, ein starker Wind wird aufziehen.
Aus der Stille schwappte ein seltsamer Ton. Etwas wie borkiges Räuspern. Es kam von der Bank, auf der zwei Moosgestalten hockten. „Ihr habt mir heute gerade noch gefehlt“, murmelte die Frau fröstelnd in ihren Wickelschal. Wenn ich jemandem von Euch erzählen würde, die steckten mich doch glatt in die Klapse. Die Schatten stimmten ihr nickend zu. Der Kleine rutschte ein Stück zur Seite und winkte. Julie schwankte die letzten Schritte zur Bank und ließ sich schließlich zwischen den Nachtschatten nieder. Es war kalt und die Gestalten neben ihr hatten kein bisschen Wärme für sie, aber sie sprachen mit ihr: „Weißt Du noch, wie Du früher immer in den Rehbergen gerutscht bist? In einem Pappkarton mit Laura die dünne Schneepiste hinab? Das war ein Gaudi! Zum Faschingsrodeln schauten immer zwei Seeräubertöchter aus dem Karton. Es war so ein stabiler Westkarton mit Metallecken von Eurem Vater.“ Der kleine Moosschatten schwieg nachdenklich, es schien, als würde er tief atmen und seufzen. Da sprach der große Schatten weiter: „Von Liebe hat er Euch geschrieben und der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auf einer bunten Karte, die stets in dem Karton voll Apfelsinen lag. Aber als jener Herbst kam, in dem die Mauer fiel,  blieben seine Lebenszeichen aus. Unbekannt verzogen oder auch abgehauen zum zweiten Mal. Viele hofften in diesem milden Winter auf ein Leben in Freiheit und waren doch bald nur Beute. Dieser Herbst deckte unzählige Lügen auf allen Seiten auf.“  Julie konnte nicht antworten, sie hatte einen Klops im Hals. Sie wusste, die Nachtschatten sind erfundene Realität, aber weshalb sprachen sie mit ihr?
Ein schwerer Griff rüttelte sie wach. „Süße, willst Du erfrieren?“ Anton Müller hatte die junge Frau auf seinem Heimweg in der Nacht entdeckt, griff ihr unter die Arme, stellte sie auf und schob sie die wenigen Meter bis vor das Hoftor der Familie. Ohne ein weiteres Wort verzog sich der Helfer dieser Nacht, es war in Sandberg nicht üblich, kleine Peinlichkeiten zu kommentieren…

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 668