Milchmond (19)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kinimalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner

… Stunden später wurde das Opfer rechtsmedizinisch untersucht und es war bald  klar, das Tötungsdelikt ging mit einer Vergewaltigung und schweren Misshandlungen einher. Ein exakt gesetzter Messerstich ins Herz, machte dem Martyrium der jungen Frau schließlich ein Ende. Die Winterkälte konservierte den traurigen Zustand, der keinen Zweifel über den Tathergang bei den Experten hinterließ. Auch DNA wurde entdeckt: Graues Haar, Hautteilchen und Sperma. Druckstellen – offenbar von den Händen des Täters – verrieten, er muss groß und kräftig gewesen sein, und er hatte die seltene Blutgruppe AB positiv.
Im Sandberger Dorfkrug hatten zwei Ermittler der Mordkommission Prenzlau ihr ambulantes Büro einen Tisch aufgeschlagen. Dem Wirt war das nicht recht, er hatte an seinem Ruhetag nur für die Feuerwehrleute spontan geöffnet, um den Helfern einen warmen Platz und eine deftige Bohnensuppe auszugeben. Strom gab es noch nicht, aber der alte Kachelofen spuckte wohlige Wärme und Kerzen spendeten ein schummriges Licht. Mit quenglicher Stimme fragte Uhrig: „Möchten Sie vielleicht was Heißes? Tee, Kaffee oder Bohnensuppe? Der Gasherd macht‘s möglich, nur Wasser ist knapp.“
Die zwei Kriminaloberkommissare entschieden sich für Suppe und Tee. Als der Wirt servierte, dankten sie höflich und begannen zugleich mit ihren routinemäßigen Fragen. Oberkommissarin Franziska Korn sah Uhing ruhig an: „Irgendwelche Fehden im Dorf, von denen wir wissen sollten, Herr Wirt?“
„Nichts von Bedeutung. Sandberg ist ein stilles Dorf. Es gibt fast nur noch alte Leute hier, von einer Handvoll Ausnahmen abgesehen. Die Ackerschwestern wären bestimmt auch schon weggemacht, hätte der republikflüchtige Vater ihrer Mutter nicht so ein elendes Leben beschert. Der hat sich über Ungarn rausschleusen lassen und sie bekam Berufsverbot. Sippenhaft eben. Geputzt hat die gelernte Drogistin im Hotel bis sie das große Vergessen erwischte. Ein Scheißleben. Aber die Mädchen haben gut zu ihr gehalten. Nur miteinander hatten sie ab und zu ein bisschen Stress. Zicken-Alarm, mehr nicht. Letztes Jahr ist Laura nach Berlin gezogen. Wissen Sie, Distanz und Nähe, dass ist auf dem Dorf immer ein Drahtseilakt, da ist es manchmal besser,  eine Zeitlang Abstand zu wahren.“
Der Wirt wollte sich zurückziehen, aber Ermittler Eberhard Stark, rückte ihm einen Stuhl neben sich zurecht: „Erzählen Sie weiter, weshalb hatten die Schwestern öfter Streit?“
Uhlig schniefte: „Ach, nichts Besonderes. Laura lebte gerne auf großem Fuße und kam deshalb mit ihrem Gehalt als Altenpflegerin nicht gut aus. Sie pumpte sich bei jedem was, der dazu bereit war. Die meisten schwiegen darüber, aber ihre große Schwester hat ihr oft die Ohren langgezogen.“
Die Tür ratschte, Püschel und Ehrenburg traten grüßend ein. Klopften sich den Schnee von den Jacken und schleppten sich an den Kachelofen. Sie waren müde und erschüttert. Der Feuerwehhauptmann sprach mit gesenktem Blick in den Gastraum: „ Wir haben ein Holzkreuz und ein Grablicht am Fundort aufgestellt.“
Anna Uhlig hatte ihre winzige Küche verlassen und brachte den Männern am Ofen dampfende Suppenschüsseln: „Hier Jungs, damit ihr ein bisschen auftaut.“ Sie streichelte die Zwei mit ein paar Strichen über deren Arme, Worte fand die scheue Frau des Wirtes nicht. Schnell war sie wieder in ihr Reich verschwunden als wäre es ein sicherer Ort.
Draußen heulte der Sturm. Trotzdem war es so leise in Sandberg als hielten alle den Atem an, wie immer, wenn der Tod in ein Haus gekrochen war. Leben und Sterben sind auf dem Land noch so nah, dass das Leid anderer gefühlt wird…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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