Das Nebeltor (13)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

…Uldis flog in Gestalt eines nachtblauen Raben über das Regenland und spähte nach der Grenzgängerin. Sie war weit gekommen, deshalb war es für ihn hohe Zeit, sie aufzuhalten. Er segelte zu Boden und verwandelte sich im flachen Sumpfwasser unter brodelndem Ächzen wieder in die böse Schlammgestalt, die mit so viel Wut unterwegs war. Uldis erhob seine donnernde Stimme zu einem Ruf, wie er schauriger nicht sein konnte. „Du dummes Menschenkind, steh auf der Stelle! Ich, der mächtige Uldis, habe dich gewarnt, du spielst mit deinem Leben, wenn du den Weg weitergehst!“
Unter Floras Füßen begann der Boden zu wanken und zu sinken. Sie hastete verschreckt hin und her und kletterte schließlich blitzschnell auf einen Baum. Von dort oben goss sie das Nebelhorn in den Sumpf. Dichter Dunst stieg auf und verbarg geheimnisvoll den Ort. Flora drehte die silberne Kappe vom Nebelhorn ab und blies so kräftig sie konnte hinein. Ein dunkler Ton erklang und schwoll an zu einem magischen Ruf, der den Sumpfgeist in den Nebel lockte. Er schrie tosend: „Nichts kann dich verstecken! Kein Nebel und kein Nichts. Gleich, gleich hab’ ich dich!“  Er schob wie ein Schwimmer die Nebelbänke beiseite, doch der Nebel lichtetet sich nicht, er wurde immer dicker und dichter und plötzlich steckte der Sumpfgeist fest. Der Nebel hatte ihn gefangen. Uldis brüllte und grölte hasserfüllte Flüche der übelsten Art. Lange. Flora hielt sich die Ohren zu, denn sie fühlte sich beschmutzt. Aber nach und nach erschlaffte der Sumpfgeist und irgendwann jammerte er nur noch. Aber Flora wartete geduldig, bis er endlich flehte: „Bitte gib mich frei!“
„Was gibst du mir dafür?“, fragte die Grenzgängerin.
„Du hast einen Wunsch frei, wenn ich nur wieder freikomme.“
Eigentlich habe ich zwei Wünsche, grübelte Flora bei sich, aber ich muss mich entscheiden. Ein warmes Herz für Uldis oder das Elixier der Freude? Natürlich war ihr klar, dass die Freude für alle Welten wichtiger war und so sprach sie:
„Du hast mich mit deinem Hass fast getötet, aber ich verzeihe dir, denn ich bin gekommen, allen in den Welten die Freude zurückzugeben. Bitte lass mich hinüber ins Quellgebiet, um das rechte Elixier zu finden.“
„Das ist dein Wunsch?“, zweifelte der Sumpfgeist. „Du könntest Ruhm und Reichtum von mir verlangen, überlege es dir noch einmal“, brummte Uldis.
„Nein, ich wünsche mir nur, dass du mir nicht mehr den Weg verstellst. Freude ist wichtiger als schnöder Reichtum. Freude ist Liebe, Freude ist als Lachen Widerstand gegen Hass und Neid. Es gibt nichts Schöneres.“
Der Sumpfgeist grummelte in sich hinein und antwortete dann voller Respekt vor der kleinen Grenzgängerin: „Gut, dann soll es so sein! Ich werde dich deiner Wege ziehen lassen.“
Das Mädchen setzte nun das Horn an seine Lippen und sog den Nebel zurück in das Horn und der Sumpfgeist war wieder frei.
Flora ging auf ihn zu und sprach vorsichtig: „Zeig mir deine Hand, bitte“ Und der Geist hob seine mächtige Pranke und streckte sie ihr entgegen. Flora legte Ellas Rosenblütenblatt in seine Hand und eine feine Magie beschlich Uldis. Flora konnte zusehen, wie die leere Finsternis aus seinen Augen verschwand und der Wandel zu einem herzlichen Wesen sacht begann.“
Die Grenzgängerin sagte noch: „Versuche den Menschen zu verzeihen, denn sie haben ihren Fehler eingesehen.“ Dann lief sie hinüber in das Reich der Quellen….

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