Das Nebeltor (15 – der Schluss)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Sie hatte alle Grenzen im blauen Land überschritten, um an das Elixier der Freude zu gelangen. Mit dem randvollen Horn lief sie nun zurück zu jenen Wasserwesen, denen sie noch etwas schuldete. Im Sumpfland schwappten aus dem Horn ein paar Tropfen und Flora dachte bei sich, schaden kann das nichts.
Sie eilte vorbei am Sternensee und wunderte sich dann doch ein bisschen, dass dort zwei Herren brüderlich und gestaltschön miteinander plauderten, ein grün-blauer und ein schlamm-brauner. Eine feine Magie umwehte sie.
Den zarten Tautropfenelfen gab Flora die Unzerbrechliche zurück, sie war ihr Kompass und Beschützerin in der Not. Flora war froh, von den Zerbrechlichen erfahren zu haben, dass die Schwächsten zuweilen die Stärksten sein können. Aber sie wollte nicht abwägen, welche Begegnung im blauen Land für sie die wichtigste war. Alle waren wichtig.
Endlich gelangte die Grenzgängerin in das Reich der Nebelfee. Flora brauchte nicht lange durch die blickdichten Schwaden zu irren. Sehr bald schälte sich aus dem Silbergrau die schöne Fee mit ihren Nebelgeistern, die wieder wie mit einer Stimme sprachen: „Wir haben dich schon erwartet, tapfere Grenzgängerin!“ Die Nebelfee schwebte auf das Mädchen zu: „Was bin ich froh, du hast es geschafft. Viele kamen mit leeren Händen aus dem Land der Quellen zurück, du hast die Herzen der Wasserwesen berührt, was für ein Glück!“
Flora reichte der Fee zuerst das Nebelhorn, dann das goldene Horn mit dem Elixier. Da drängte die Nebelfee schon: „Nun aber komm, wir wollen den Zauberguss vollziehen.“
Sie gingen zu dem großen Wasserfall, dort goss die weiße Frau einen Schwall aus dem Horn in das stürzende Wasser. Die giftigen Tropfen schrien dabei noch wilde Worte, aber die Fee sprach klar und deutlich ihr Ritual: „Fließe, heiliges Elixier, in alle Wasser und bringe den Quell der Freude den Lebewesen in alle Welten zurück. Mögen Hass und Neid versiegen und Freude das Leben antreiben, denn sie ist das Ziel des Lebens.“
Der Strom des Wassers leuchtete licht, der Zauber wirkte und floss von hier hinaus in das Leben. Flora lauschte ihm nach, aber sie hörte kein böses Wort mehr. Sie hatte ihre Mission erfüllt. Die kleinen Nebelgeister umtanzten die Grenzgängerin und führten sie an die Schwelle des Nebeltors. Im weißen Bogen schoben sie Flora hinüber in die reale Zeit.

Es war Spätsommer geworden, als Flora die Wiese im Kuppenland betrat. Die Eltern waren erleichtert, das vermisste Kind gesund und munter in die Arme schließen zu können. Von ihrem Jubel gelockt, trat der Bruder aus dem Haus. Er hatte bei Suche nach ihr geholfen und fragte nun sehr aufgeregt, aber lächelnd: „Wo warst du nur?“ „Im zeitlosen blauen Land hinter dem Nebeltor!“, antwortete Flora.
Abends saß die Familie beim Lagerfeuer am Großen Döllnsee, wo das Mädchen die ganze Geschichte vom blauen Land mit seinen Welten erzählte, während von der Seemitte her ein blau-grüner Hut die Runde grüßte.

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