Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 2)

… Bilderfetzen von ihrem Motorradunfall sausen durch ihr Hirn. Auf der Gegenspur überholt ein Wagen in der Kurve. Vor ihr plötzlich ein Traktor mit Hänger – überbreit, sie kann nicht ausweichen und zieht nach rechts: Scheppern, Rutschen, Fliegen, ein Rapsfeld, überall Gelb und Schmerz.
Als sie wieder zum Stuhl hinübersah, lugte eine blaue Maus aus der Flachmanntasche. Sie schwankte beim Hinauskrabbeln und Tine dachte: Doppelblau. „Hey, du Rülpser, was hast du genommen, dass du so voll blau aussiehst? Und was machst du in meinem Bademantel?“
Die Maus sah zu der Frau mit dem weißen Turban hinüber und kratzte sich verlegen das linke Ohr. Es war jenes, dass ein wenig schlechter hörte. „Dein Mantel? Der alte Badelumpen sah so einladend aus, irgendwie sprittig. Eher wie das Teil von einem alten Säufer und zu dem hätte ich doch gut gepasst – oder?“
Tine lächelte: „Gehörte einem alten Säufer, aber jetzt ist er meiner. Schon ziemlich lange.“
„Sieht man, aber 50er-Jahre-Look ist ja kolossal modern, er musste mir einfach gefallen, auch wenn er schon etwas schäbig ausschaut.“
„Verstehe, und jetzt bist du eingezogen und hoffst, dass ich dir den Flachmann täglich nachfülle?“
„Vielleicht“, säuselte die blaue Maus, „aber das hab‘ ich nicht nötig. Ich bin die Bademaus vom Krankenhaus und habe Zugang zu den medizinischen Alkoholitäten. Zwei Sprühspritzer reichen mir eigentlich am Tag. Der Flachmann war nur ein erfreuliches Fundstück.“
„Und du meinst nicht, ich hätte den noch gebrauchen können?“
„So wie du aussiehst, dachte ich, du rollst gleich einen Gebetsteppich gen Osten aus, so eine braucht keinen Alkohol.“
„Ich kann nicht rollen.“
„Wieso nicht?“
„Meine Arme sind gebrochen.“
„Oh, aber sonst würdest du gen Osten …?“
„Nein!“
„Au, verflixt, dann muss ich dir einen neuen Flachmann besorgen?“
„Nein, ist nicht nötig!“
„Wär‘ aber kein Problem, du hast ja gar keine Vorstellung, wie viele kleine Pullen hier in den Bademänteln schlummern.“
„Doch.“
„Und woher weißt du das?“
„Mein Vater war Säufer.“
„Ach, ja, aber dann hast du bestimmt auch Geduld mit einer blauen Seele?“
„Hab‘ ich.“ Nach diesen Worten fiel Tine wieder in einen langen Schwächeschlaf.

 

© Petra Elsner
5. März 2019
Zeichnung: Petra Elsner

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