Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 1)

Es kam ganz anders, als sie es erwartete hatte. Sie war nicht gestorben. Stattdessen gluckste etwas, man könnte auch sagen, es rülpste frech. Wo? Ihr Blick wanderte durch das Weiß des Zimmers: Ein Krankenbett, ein fahrbarer Beistelltisch, ein Stuhl, darauf ihr gestreifter Bademantel. Den hatte sie mitgenommen, als ihr Vater ihn nicht mehr brauchte. Wenn Tine ihn anzog, fühlte sie sich von ihm irgendwie beschützt. Es rülpste wieder und die Frau neigte ihr schmales Antlitz, über dem ein gigantischer Kopfverband thronte, langsam abwärts. Zu der Bademanteltasche, daher schien das Geräusch zu kommen. Aber Tine konnte nicht nachsehen, ihre Arme lagen fest bandagiert neben ihrem langgestreckten, dürren Körper, sie kam sich wie eine Mumie vor.
„Hey, du Rülpser, hast wohl die letzte Flasche von meinem alten Herrn gefunden?“ Tatsächlich hatte Tine den letzten Flachmann, den der Vater nicht mehr hatte trinken können, weil ihn die Chemo innerlich auffraß, nie entsorgt. Nach jedem Waschgang steckte sie ihn wieder in die ausgedröselte Tasche, so war der Mantel perfekt. Und jetzt hatte sich jemand an der Flasche vergriffen?
„Zeig dich, du Rülpser!“ Das Etwas regte sich nicht, es knurrte ärgerlich, kaum später schnarchte es leise und der moosgrüne Bademantelstreifen atmete.
Tine schloss die Augen und träumte sich in den Irrgarten des vergangenen Tages…

 

 

© Petra Elsner
4. März 2019
Zeichnung: Petra Elsner

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