Sagenhafter Barnim (21)

Die weiße Frau im Rehdanzbruch:

Die weiße Frau im Rehdanzbruch Zeichnung: Petra Elsner
Die weiße Frau im Rehdanzbruch
Zeichnung: Petra Elsner

Am himmelblauen Werbellinsee zwischen Joachimsthal und Cöllnischem Teerofen liegt ein Bruch, dass die Leute das Rehdanzbruch nennen. Dort sieht man an einer Stelle eine kleine Senke, in der immer Wasser steht. Die Lache ähnelt einem Scheffelmaß, das man zum vermessen von Korn benutzte. Immer wieder versuchte man dieses Loch zuzuschütten. Doch wie viel Sand und schwere Steine man auch in den Schlund gab, jedes Mal gluckste sogleich das Wasser wieder hervor und schuf sich eine neue Mulde. Die Leute munkeln: Im Bruch hockt eine wunderschöne Jungfer, die endlich erlöst werden will. Manchem jungen Mann sei sie schon erschienen – in weißen Tüchern, aber niemand nahm sie zu sich.
Einmal arbeitete ein Knecht auf der nahen Kuhweide. Er setzte Pflöcke den ganzen langen Sommertag. Müde von der schweren Arbeit, gönnte er sich ein Schläfchen und darüber wurde es Nacht. Als er unter dem Mond erwachte, erschien in Sichtweite eine weiß gekleidete Gestalt mit langen, rabenschwarzen Haaren. Langsam näherte sie sich seinem Lager und winkte ihm dabei dreimal, als wollte sie ihn zu sich locken. Aber der Knecht reagierte nicht, denn er mochte keine dunkelhaarigen Frauen. Schon gar nicht, wenn sie nachts in der Landschaft herumspuken. So blieb der Knecht reglos sitzen. Da kehrte die weiße Frau schlagartig um und ging zu jener Stelle zurück, an der sich das Wasserloch befand. Dort verschluckte sie das Dunkel. Dem Knecht war das egal. Er legte sich ins Gras und schaute in den Sternenhimmel. Kaum später wehte das Winseln der verschmähten Jungfrau durch die Nacht. Das vertrieb den Nachtschwärmer endgültig von diesem Ort.
Nach Adalbert Kuhn: Märkische Sagen und Märchen nebst einem Anhange von Gebräuchen und Aberglauben. Berlin 1843, aufgefrischt und erweitert von Petra Elsner

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