Das Nebeltor (8)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Als der Regen pausierte, saßen noch zwei große Wassertropfen auf der Kuppe gegenüber der Weide. „Wir müssen Agata holen“, meinte der etwas Größere. Dann rollten sie den Hang hinunter und platschten in den Wassergraben in der Senke.
„Na, ihr zwei Himmelslichter, was macht ihr denn für große Wellen mitten in der Nacht?“, murrte Agata, die Sumpfschildkröte müde aus dem schlammigen Grund.
Sie war ein wenig schwerhörig und reckte deshalb ihren kahlen Kopf den beiden Regentropfen schräg entgegen.
Der etwas kleinere Tropfen nuschelte aufgeregt: „Ein Mädchen sitzt in der Weide. Ähm, es will ins Quellgebiet, du musst helfen, damit der Kleinen nichts geschieht.“
„Ach was“, moserte Agata. „Immer dieser Hokuspokus, sie ist aufgebrochen, also soll sie sich kümmern.“
Der etwas größere Regentropfen rollte ärgerlich hin und her: „Agata, du bist die weise Stimme im Sumpf, es ist deine Aufgabe von je her, den Suchenden zu helfen. Hast du das vergessen?“
„Nein, natürlich nicht, aber ich bezweifle inzwischen, dass das Gute das wachsende Böse bezwingen kann. Wie viele sind schon ins Quellgebiet gegangen und unverrichteter Dinge zurückgekehrt. Der Sumpfgeist ist dabei nur mächtiger geworden.“ Agata seufzte ein langes „Ach“, dann aber setzte sie doch ihre Schritte schwerfällig in die Richtung der Weide.
Es begann wieder zu regnen, als Flora die Sumpfschildkröte mit den beiden Himmelslichtern entdeckte. Es sah komisch aus, wie die zwei Regentropfen auf dem Panzer hin- und herschaukelten. Flora kicherte leise, aber Agata brummte immer noch verschlafen: „Dir wird das Lachen schon noch vergehen.“
„Deshalb bin ich aber nicht ins Regenland gekommen“, widersprach Flora. „Ganz im Gegenteil, ich suche die Quelle des Elixiers der Freude. Dafür kann ich jeden guten Rat gebrauchen, aber dein lustloses Gegrummel kannst du für dich behalten.“ Der etwas kleinere Regentropfen beschwichtigte: „Nimm es ihr nicht übel, sie wurde einfach zu oft enttäuscht.“
Agata schüttelte sich und sprach danach wie ausgewechselt: „Bitte entschuldige, dieser hoffnungslose Muffel in mir hat mich wieder einmal zum Zweifeln verleitet. Es sind eben schon so viele erfolglos zurückgekehrt, da kann man den Glauben an die Kraft des Guten verlieren.“
„Warum waren die anderen erfolglos?“, wollte Flora wissen und Agata begann langsam zu erzählen: „Weil sie nicht richtig zugehört hatten. Sie folgten einfach dem direkten Weg der Unzerbrechlichen. Aber um das Elixier der Freude zu finden, braucht es Umwege, altes Wissen und ein paar Hilfsmittel. Und natürlich muss die Grenzgängerin auch die verborgenen Botschaften erkennen und verstehen, sonst gelangt sie nicht ans rechte Ziel. Was hat dir die Weide verraten? Weißt du es noch?“
Flora überlegte und erinnerte sich: „Sie meinte, das Regenland habe viele Kräfte, ich müsste mich für eine entscheiden.“
„Ja, aber um diese Wahl treffen zu können, musst du erst einmal wissen, um welche Kräfte es sich handelt. Frag’ die beiden Himmelslichter auf meinem Schild, sie wissen es.“
Flora sah fragend zu ihnen und der etwas kleinere Regentropfen begann sofort zu wispern: „Die mächtigste Kraft des Regenlandes ist die Quelle allen Lebens!“ Der etwas Größere sprach weiter: „Es gibt den Quell der Reinheit, den der Heilung, die warmen Quellen, die Quelle der Lebensfreude, die Kraft zur Energie, die der Zerstörung und etliche Zauber-Elixiere.“
Agata nickte wohlwollend. „All diese Kräfte sprudeln im Quellgebiet. Aber sie werden vom Sumpfgeist Uldis bewacht. Er ist ein böses Wandelwesen, das Mann, Rabe oder Schlange sein kann und keinen zu den Quellen lässt. Nur der Nix kennt den Weg an ihm vorbei, denn er ist sein Bruder und kennt alle seine Tricks. Er ist selbst ein Gestaltwandler, aber einer von den Guten. Schau auf deine Unzerbrechliche, wenn du den direkten Weg verlässt, ändert sich die Wasserzeichenkarte und zeigt dir begehbare Umwege. Aber nun geh, im wirklichen Leben vergeht die Zeit.“ …

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