Das Nebeltor (7)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:
… Der Weg führte in einen Auwald und wurde von Schritt zu Schritt schmaler und schwankender. Mannshohe Farne verdeckten die Weitsicht und alle paar Meter war ein Totholzstamm über den Pfad gefallen. Flora stieg durch das Dickicht, war sie hier richtig? Sie sah auf die Unzerbrechliche, das Wasserzeichen zeigte, linksseits würde sie an einen sternförmigen See gelangen, aber die Karte verwies auf diese morastige Spur ins Ungewisse, auf der sie sich bereits befand. Flora pfiff leise vor sich hin, wie sie es immer tat, wenn sie ins Dunkle trat, in einen lichtlosen Keller oder ein abendliches Wegstück ohne Laternen. Es war jetzt nicht ganz so stockdunkel, denn der Mond schien hell in diese Bruchlandschaft und ein paar Glühwürmchen tanzten über den Wasserspiegeln der Gräben und Fließe, die ihren Weg säumten. Ihre Augen konnten die Nähe gut erfassen, aber nicht in die Tiefe hineinsehen. Etwas knisterte dort. Einen Augenblick später begann es zu regnen und das Mondlicht erlosch. Aus dem Knistern wurde ein Prasseln. Flora war im Nu klitschnass und der Regen wurde immer noch stärker. Im nachtblauen Dunst entdeckte sie unweit entfernt die Schemen einer knorrigen Weide, die sie ächzend zu rufen schien. Dorthin hastete sie schutzsuchend. Schlamm spritzte dabei von ihren Sandalensohlen kniehoch. Flora rutschte förmlich die letzten Meter auf den alten Weidenbaum zu, schnaufend stand sie schließlich davor. Das Holz der Weide war in der Mitte weit aufgebrochen. In diesen moosbedeckten Hohlraum flüchtete sich Flora. Drinnen schien es ihr, als wollte sie der alte Baum mütterlich umarmen und wärmen. Das Mädchen sank in die Hocke und wartete schlotternd. Langsam nahm das trockene Moos die Nässe ihrer Kleidung auf und Flora fror bald schon nicht mehr. Die Zeit schien weiter zeitlos zu sein. Flora verspürte keinen Hunger und auch keine Müdigkeit. Was für ein Rätsel, wunderte sie sich im Dunkel der Höhle. Um die Weide wehte eine traurige Weise und Flora dachte, hier kann das Quellwasser der Freude nicht wohnen, aber warum bin ich hier? Sie lauschte dem nachlassenden Regenlied, bis nur noch wenige Tropfen fielen. „Das Regenland hat viele Kräfte, du musst dich für eine entscheiden“, murmelte leise die Weide.
Flora wunderte sich kein bisschen darüber, dass der Baum mit ihr sprach. Sie hörte auf das, was die Weide sagte, denn nur das würde sie ein Stück weiterbringen. „Bin ich im Regenland?“  „Ja“, antwortete die Weide. „Das Regenland ist das Land der Feuchte, der alles entspringt. Jedes Leben und jedes Gefühl. Sieh, dort fließt ein immerwährendes Rinnsal, das schon einen See durchschwommen hat und darin Kraft aufnahm. Es wird gleich in den sternförmigen See fließen, um weiter zu wachsen und bald zu dem Strom anzuschwellen, der dem Land den Namen gab.“
„Die Ucker hat hier ihre Quelle?“
„Nicht genau hier. Wenn du dem Weg der Unzerbrechlichen folgst, kommst du direkt in ihr Quellgebiet. Aber dorthin geht man besser über Umwege“, murmelte die Weide bedeutungsvoll.
„Welche Umwege?“, fragte Flora in die Nachtstille, aber die alte Weide schwieg…



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