Das Nebeltor (5)

…Sie lief durch den Nebel. Waren es Minuten oder Stunden? Sie konnte das nicht sagen, nur, dass sich plötzlich der Dunst wandelte. Es war ihr so, als fühlte er sich plötzlich stofflich an, wie schwebende Seidentücher, die sich dort, wo sie hinlangte, öffneten. Hinter jedem weiteren Fließ wurde es heller, bis der letzte Vorhang endlich einen blauen Ort freigab, in dem wirklich alles tropfte. Tausende schillernder Tauperlen brachen das Licht und funkelten wie Edelsteine. Einer schöner als der andere. Das Glitzern schien zu kichern als Flora vorsichtig nähertrat. Sie dachte bei sich, hier zwinkert das Lachen. Und es stimmte, was die Nebelfee sagte: „Sie spiegeln alle Wege.“ Das Mädchen konnte in den Tröpfchen Lichtpfade entdecken: erdige, moosgrüne, silbergraue, schneeweiße, türkisblaue, sogar orangene. Einige zeigte Berggrate, andere Wiesenpfade, wieder andere verwiesen auf Hohlwege
oder auf Landzungen zwischen stahlblauen Seen. Wohin jedoch diese Wege führen würden, war nicht offensichtlich.
Es war schwül in dieser blauen Tropfenwelt, wie in einem Tropenhaus, das ein leiser Singsang durchzog. Nun sah Flora, dass sich einige dieser Tauperlen bewegten, sie flogen flink wie Libellen. Von diesen winzigen Flügelwesen kam das verhaltene Kichern. Ah, dachte Flora, da sind sie ja, die Tautropfenelfen. Sie bestanden lediglich aus einem blau-grünen Tropfen mit glasklaren Flügeln. Kleine Kugelwesen mit Gesicht und glasigen Fühlern – einer Kopfspirale und zwei hängenden Fädchen, die wie Spinnenbeinchen wirkten. Flora musste unwillkürlich lächeln über das Zartsein dieser Kreaturen. Immer wenn sie auf eine dieser Tautropfenelfen zuging, zogen sie sich alle unsichtbar in das Tropfenheer zurück. Dazu ließen sie einfach ihre Flügel hängen und schon waren sie nicht mehr erkennbar.
Das Mädchen hockte sich ins blaue Gras und seufzte: „Ich tu’ euch doch nichts.
Ich suche nur euren Rat.“ Da hörte sie ein gemeinschaftliches Säuseln:
„Wir fürchten dich nicht, aber wir müssen vorsichtig sein. Schon die kleinste Berührung lässt uns zerfließen und vergehen, das musst du beachten, wenn du uns begegnest.“…

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